Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Polizeibezogenes, was in keine andere Sektion hineinpasst

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Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon schneiderssohn » Fr 2. Sep 2016, 18:42

Wie setzt Ihr deeskalierende Methoden im Umgang mit Migranten / Touristen um?

Gibt es bei der Polizei eine entsprechende Schulung zu interkulturellen Konfliktlösungsprozessen?

Durch meine Arbeit habe ich schnell gemerkt, dass die meisten Bürger (sofern sie denn Konfliktlösungsmethoden kennen) oft auf herkömmliche, in unseren Breitengraden gebräuchliche Methoden zurückgreifen. Meistens wundern diese sich dann, wenn der Gesprächspartner völlig entgegengesetzt als erwartet reagiert. (Was völlig normal ist.)
Die Ursache sich vertiefender Konflikte liegt meistens darin, dass die Konfliktparteien aneinander "vorbeistreiten", weil Konflikte kulturell unterschiedlich gelöst werden und von der einen Seite wie selbstverständlich vorausgesetzt wird, dass die jeweils andere Seite diese kennt.

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Brot » Fr 2. Sep 2016, 19:02

Worin soll jetzt der Unterschied zwischen interkultureller und herkömmlicher Konfliktlösung liegen? Meist ist es doch so: "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus".

Bei der Polizei gibt es Schulungen zum Thema Deeskalation bzw. es ist Lerninhalt in der Ausbildung / im Studium.

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon schneiderssohn » Fr 2. Sep 2016, 19:37

Die Unterschiede treten schon in der Kommunikationskultur auf.
Beispiel: Für Asiaten bewegt sich das Gespräch vorwiegend auf der Beziehungsebene, für Europäer mehr auf der Sachebene.

Europäer besprechen wichtige Inhalte der Sachebene in der ersten Gesprächshälfte, Asiaten im letzten Gesprächsdrittel.

Von daher besteht die Gefahr, das vom Asiaten Signale der Sachebene auf der Beziehungsebene und vom Europäer Signale der Beziehungsebene auf der Sachebene aufgefasst werden.

Dazu kommt, dass wichtige Signale nicht wahrgenommen oder anders interpretiert werden. Zum Beispiel werden lange Gesprächspausen bei uns eher negativ interpretiert, dabei sind sie in anderen Kulturen durchaus üblich.


Neben den bei uns üblichen Konfliktlösungsmethoden, kommen im interkulturellen Konfliktlösungsprozess zum Beispiel noch Feinheiten wie Kenntnis von Normen, Rollenverteilung und kulturspezifische Abläufe von Entscheidungsprozessen, Tabubereiche und Reizschwellen anderer Kulturen hinzu.

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Fr 2. Sep 2016, 20:03

Es gibt bei der Polizei mannigfaltige Kommunikationsseminare.

Es gibt bei der Polizei Konflikttrainings jedweder Art.

Es gibt Fortbildungen bezüglich interkultureller Kompetenzen.

Dass dort auf Reihenfolge der Sachebene eingegangen wird, um bestimmte Volksgruppen oder Touristen milde zu stimmen, habe ich nicht erlebt. Fraglich ist, ob man das muss?

Wenn ich reise, gehe ich immer höchst respektvoll mit den dortigen Ordnungshütern um und halte mich an dortige Vorschriften. Irgendwie sehe ich das als meine Bringschuld an.

Sollte mein Widerstand 2006 mit dem lustigen Vietnamesen darauf zurück zu führen sein, dass meine Gesprächspausen nicht lang genug waren, als er mir ins Gesicht treten wollte, mea culpa.

Zum Schluss haben wir eine gemeinsame Basis gefunden.
:lah:

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Diag » Fr 2. Sep 2016, 20:06

Vermutlich die internationale Asphaltbasis... :polizei3:

Die ganze Chose wird eher relevant bei Vernehmungen/Befragungen.

Es dürfte kaum Unterschiede in der Interpretation von polizeilichem Handeln geben. Wenn ich mich in [Land nach Wahl einsetzen] daneben benehme, der Polizist immer "quirliger" wird, den Schlagstock in die Hand nimmt. .. Dann weiß ich irgendwann, dass ich mich nicht richtig verhalte. Ohne Sprachkenntnisse, ohne interkulturelle Kompetenz.

Es ist gut zu wissen, warum jemand wie reagiert. Bei adhoc-Geschichten ist mir das aber wurscht. Ist der abdrehende Schwarze vor mir jetzt Senegalese, Amerikaner, Brasilianer? Roboter mit Senf...

Wie gesagt: Bei Vernehmungen/Befragungen nützlich/wichtig. Bei Assiverhalten? Nö.
Zuletzt geändert von Diag am Fr 2. Sep 2016, 20:19, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Fr 2. Sep 2016, 20:09

Dabei ist wichtig, dem weit gereisten Gast den Vortritt zu lassen. :polizei3:
:lah:

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon springer » Fr 2. Sep 2016, 20:10

Im Ausland sollen wir uns anpassen, um Respekt zu zeugen.

Im Inland sollen wir uns auch Ausländern anpassen, um denen Respekt zu zeugen.

Wer zeugt uns eigentlich Respekt? Mir nervt dieses "wir müssen mit jedem so umgehen, wie er es gerne möchte". Es ist nicht übertrieben, wenn ich von Besuchern erwarte, dass sie sich in unserem Land unseren Gebräuchen anpassen.

Man kann aufeinander eingehen, aber die sind zu uns gekommen, in unser Land und nicht wir zu ihnen. Und dann hat mein entgegenkommen Grenzen. Wenn es ihnen nicht passt, sollen sie fortbleiben.

Und ja, mich nervt diese Thema. Und zwar nicht zu knapp.

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Diag » Fr 2. Sep 2016, 20:19

Merkt man gar nicht. :zunge:

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon schneiderssohn » Fr 2. Sep 2016, 20:30

Es macht schon Sinn zu wissen wie man mit anderen Kulturen Konflikte löst. Natürlich ist es leicht zu sagen, dass sich andere Kulturen gefälligst an unsere Regeln zu halten haben. Aber so einfach ist das nicht.

Nehmen wir mal an, ein deutscher Bürger zeigt einem Beamten "einen Vogel". Der Beamte wird das wenig lustig finden und entsprechend reagieren, weil diese Geste bei uns eindeutig ausdrückt:" Du hast ne Meise". Wenn allerdings ein Tourist aus Südamerika diese Geste macht, dann bedeutet das: "Du bist ein schlauer Kopf.". Also genau das Gegenteil.

In meiner beruflichen Praxis hatte ich viele Konflikte entschärfen können, weil ich um die kulturellen Methoden wusste. Und da waren auch genügend Situationen dabei, wo es gefährlich war.

Es ist schon entscheidend (leider auch teilweise für Leben und Gesundheit) nicht nur zu wissen was man vermitteln möchte, sondern auch zu wissen wie man etwas, wem sagt.

Gerade in patriarchalisch geprägten Kulturkreisen ist es durchaus von Nutzen zu wissen, dass man nicht unbedingt den Betreffenden anspricht sondern den, der, z.B. in der Gruppe, das Sagen hat.

Natürlich gibt es auch Situationen, wo man nicht mehr darauf eingehen und achten kann. Gerade wenn Leib und Leben von Dritten bedroht sind oder andere gravierende Gefahren drohen. Aber bei kleineren Sachen kann man schon darauf zurück greifen.

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Diag » Fr 2. Sep 2016, 20:33

Toll.
Was genau möchtest Du jetzt sagen?

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon springer » Fr 2. Sep 2016, 20:36

Und genau das funktioniert eben oftmals nicht. Wenn x eine OWi begeht, dann kann ich den Tatvorwurf nicht y machen. Dann muss ich an x ran - so sind nunmal die Regeln bei uns.

Ich habe nicht gesagt, dass ich gar nicht auf sowas eingehe, aber es hat für mich enge Grenzen. Weil ich es einfach nicht einsehe, dass jemand in mein Land kommt und mir dann erklärt, wie ich mit ihm umzugehen habe.

Er hat Respekt vor unserer Regeln zu zeigen, und daran gibts nicht zu diskutieren :!:

Genau diese Diskussionen sorgen auf lange Sicht nämlich für Probleme, weil dann einfach davon ausgegangen wird, dass sich die hiesige Polizei irgendwelchen Sitten aus anderen Kulturkreisen anpasst. Unsere Regeln - egal?

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Fr 2. Sep 2016, 20:46

Ja...und wenn ich dann zeige, dass alles toll ist, denkt er, ich nenne ihn Arschloch.

Und nu? Soll ich eine Fibel mit internationalen Gesten mitführen? Oder jedes Mal die VG alarmieren, bevor es in den Faustkampf geht?

Alles ist endlich. Die Gesprächsbereitschaft und der Gang zurück des deutschen PVB auch. Und das ist auch gut so.
:lah:

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon schneiderssohn » Fr 2. Sep 2016, 21:02

Das es bei vielen Tatverdächtigen nicht unbedingt möglich ist, ist mir durchaus klar.

Es sind eher die kleineren Dinge, bei denen sich durch Einsatz von entsprechenden Kompetenzen Schlimmeres verhindern lässt.

Nehmen wir mal eine kleine Ruhestörung:
Wenn aus einer Gruppe Jugendlicher heraus, gepöbelt oder anderer Unsinn gemacht wird, dann ist es der "europäische" Weg zu dem zu gehen, der den Unsinn produziert und diesen zur Rechenschaft zu ziehen. Hat bis zu einem gewissen Zeitpunkt auch funktioniert.
Mittlerweile ist es zielführender, wenn man zu dem geht, der das "Alpha" symbolisiert. Diesen zur Seite nimmt, so das die Gruppe ihn sieht und ihm vermittelt, dass das Verhalten des Einzelnen nicht erwünscht ist.
Natürlich wird der dann nicht zu seiner Gruppe zurück gehen und sagen: "Der Beamte meint wir sind zu laut und sollen gehen." sondern eher "Kommt wir gehen, ich habe hier keine Lust mehr."

Vorteil hierbei ist, das die Gruppenstruktur gewahrt bleibt und jeder sein Gesicht bewahrt.



Problem ist, das viele bei interkultureller Kompetenz im Zusammenhang mit Deeskalation denken, dass man nur mit Samthandschuhen vorgehen darf. Das ist nicht der Fall. Es sind halt nur diese "kleinen" wichtigen Dinge die man wissen kann um zu verhindern, das aus einer Ruhestörung ein "Massenanfall von Verwundeten" wird. ;-)

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon Ghostrider1 » Fr 2. Sep 2016, 21:03

schneiderssohn hat geschrieben:Gerade in patriarchalisch geprägten Kulturkreisen ist es durchaus von Nutzen zu wissen, dass man nicht unbedingt den Betreffenden anspricht sondern den, der, z.B. in der Gruppe, das Sagen hat.
Soweit kommt es noch. Ich rede mit dem, der Ziel meiner Maßnahme ist. Ich rede mit einer 3. Person, wenn diese für mich übersetzt.

Ziegt mir ein Südamerikaner den Vogel, gehe ich ersteinmal von einer Beleidigung aus. Vlt kann er es gerade ziehen. Ob ich es glaube, ist dann meine Entscheidung.
Irgendwo schüttet einer einen Eimer Rinderblut aus, um den Vater zu zeigen, dass er ne scharfe Tochter hat.... Soll es dann bei uns auch so sein?

Genauso dulde ich es, wenn "Nix Problem" kommt, und einen permanent versucht irgendwie wegzuziehen. So leicht und ohne Druck, aber auf Dauer mit Erfolg gekrönt. Mag in deren Ländern so sein, hier nicht.
Es gibt eine Ansage, es gibt defintiv auch eine 2. Ansage, aber dann ist auch mal gut.

Dein UZL Vergleich hingt! Dort geht es um Ruhestörung aus einer Gruppe heraus. Klar sucht man sich den Kappo. Wenn aber Klaus-Jürgen nach dem 10 Bier immer noch laut gröllt, ist Klaus-Jügen mein Ziel und nicht der Kappo.

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Re: Deeskalation in der interkulturellen Kompetenz

Beitragvon schneiderssohn » Fr 2. Sep 2016, 21:21

@Ghostrider1: Das irgendwann Schluss ist, ist logisch. Es geht auch mit Masse um den "Erstkontakt".

Und ich kann nicht behaupten, das mir dieses Vorgehen geschadet hätte. Im Gegenteil, irgendwann wussten auch die ganz Garstigen um meine Grenzen und es kam trotzdem Respekt zurück.
Das es trotzdem Belehrungsresistente gibt, die es unbedingt ausreizen müssen, ist klar.


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