Randale & Plünderungen in Stuttgart

Hier könnt Ihr zu aktuellen, polizeirelevanten Themen diskutieren

Moderatoren: abi, Old Bill, schutzmann_schneidig, abi, Old Bill, schutzmann_schneidig

Benutzeravatar
Habakuk2
Corporal
Corporal
Beiträge: 231
Registriert: Di 20. Dez 2016, 18:03

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Habakuk2 » Di 23. Jun 2020, 16:23

Um mal wieder auf den konkreten Vorfall zurückzukommen, gehen in BW alle Berufsanfänger zunächst auf einer Hundertschaft oder gleich in den Einzeldienst? Bei uns gibt es die zwingende Erstverwendung bei einer EHu nämlich nicht mehr und das führt bei ähnlichen Tumultlagen dann zu ähnlichem Chaos, wie in diesem Fall.

Benutzeravatar
SirJames
Ehrenmitglied
Ehrenmitglied
Beiträge: 2665
Registriert: Sa 5. Sep 2009, 00:00
Wohnort: Berlin

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon SirJames » Di 23. Jun 2020, 17:51

Moin,

auch wenn es derlei Lagen in unterschiedlichen Kontexten immer mal wieder gab und geben wird, sollte man aus meiner Sicht nicht den Fehler machen sie auch nur im Ansatz zu relativieren. Einordnen ja & für mich geht wegen Stuttgart auch nicht das Abendland unter - aber Politik, Medien und Gesellschaft sollten sich nicht vor der Frage scheuen, welche Ursachen sowas hat. Von welchem Klientel derlei Taten ausgehen usw.

Aus meiner pers. Sicht gibt es politische und gesellschaftliche Entwicklungen in den letzten Jahren, die solche Phänomene in der Zukunft immer wahrscheinlicher machen. Viele ungeklärte Fragen zu den Themen Integration, Zuwanderung, soziale Gerechtigkeit, Kapitalismus, Schere zwischen Arm und Reich usw. Für mich als Bürger und Polizist ist überhaupt nicht erkennbar wohin für uns die Reise in den nächsten 20 bis 30 Jahren geht. Ich habe das Gefühl, dass wir als Staat und Gesellschaft ein Stück weit den Kompass bzw. den breiten Konsens darüber verloren haben was wir eigentlich möchten. Welche Identität dieses Deutschland 2020 haben soll. Sowohl mein dienstliches als auch mein privates Erleben sagen mir, dass die Menschen zu großen Teilen tief verunsichert sind. Ausgelöst durch Wirtschafts-, Bankenkrise, ungesteuerte Zuwanderung, Kriminalität. Die Menschen, zumindest in Ballungsräumen und Grenzregionen werden tagtäglich mit den Auswirkungen konfrontiert. Und sie wenden sich in Teilen ab, weil sie den politisch Verantwortlichen nicht mehr trauen. Und man kann es ihnen in Teilen nicht verdenken.

Die Menschen gucken genau hin und sie sehen auf den Videos in Stuttgart das gleiche Klientel was sie so oft sehen. Das neben ihnen in der U-Bahn pöbelt oder im MB AMG mit 140 in der Stadt an ihnen vorbei Donnert während sie in ihrem 10 Jahre alten Polo nicht mehr als 60 fahren.

Diese Lage in Stuttgart ist nicht der Untergang des Abendlandes. Aber sie legt den Finger in eine Wunde, die langsam immer größer wird. Ich möchte keine Zustände wie z.B. in Frankreich. Aber da entwickeln wir uns hin, wenn wir nicht aufpassen. Da sind auch wir als Polizei gefordert. Relativierung ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg, sondern tatsächliche ernste Auseinandersetzung.

Gruß

Gesendet von meinem SM-M307FN mit Tapatalk

“No, I don’t wonder Marty. The world needs bad men. We keep the other bad men from the door.”

(true detective)

Benutzeravatar
Morty
Corporal
Corporal
Beiträge: 298
Registriert: Do 12. Jan 2017, 17:02

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Morty » Di 23. Jun 2020, 17:54

Habakuk2 hat geschrieben:
Di 23. Jun 2020, 16:23
Um mal wieder auf den konkreten Vorfall zurückzukommen, gehen in BW alle Berufsanfänger zunächst auf einer Hundertschaft oder gleich in den Einzeldienst? Bei uns gibt es die zwingende Erstverwendung bei einer EHu nämlich nicht mehr und das führt bei ähnlichen Tumultlagen dann zu ähnlichem Chaos, wie in diesem Fall.
Die Direkteinsteiger gD kommen nur in die Ehu wenn sie sich explizit dafür bewerben. Im mD kamen früher so gut wie alle in die Ehu nach der Ausbildung, das ist seit ca 3. Jahren im Rahmen der Einstellungsoffensive aber nicht mehr so, da der Bedarf nicht mehr da ist. Im mD gehen ca. 50% in die Ehu nach Abschluss.

Benutzeravatar
Controller
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 17609
Registriert: Mo 20. Dez 2004, 00:00

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Controller » Di 23. Jun 2020, 18:08

@ Sir James: :zustimm: :zustimm:
Wäre es das höchste Ziel eines Kapitäns, sein Schiff in Stand zu halten,
so ließe er es auf immer im Hafen. (Thomas von Aquin)

Benutzeravatar
Ghostrider1
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 4079
Registriert: Fr 9. Feb 2007, 00:00
Wohnort: Elbflorenz

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Ghostrider1 » Di 23. Jun 2020, 18:10

Sir James, du glaubst ein Großteil unserer Medien hinterfragen das kritisch?

Ich habe den Glauben an die "4. Macht" im Staat verloren.
Wenn man kritisch hinterfragt, müsste diverse Medien / Journalisten sich Dinge eingestehen, die vorher konsequent abgestritten wurden und andere die Nazi-Keule übergezogen bekamen.

Wenn ich gesehen habe, wie am Tag danach versucht wurde, es möglich "milchig" zu halten. Die Videos waren eindeutig, und es gab nicht nur ein Video.

RafaelGomez
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 2966
Registriert: Mi 17. Sep 2008, 00:00

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon RafaelGomez » Di 23. Jun 2020, 18:21

SirJames hat geschrieben:Moin,

auch wenn es derlei Lagen in unterschiedlichen Kontexten immer mal wieder gab und geben wird, sollte man aus meiner Sicht nicht den Fehler machen sie auch nur im Ansatz zu relativieren. Einordnen ja & für mich geht wegen Stuttgart auch nicht das Abendland unter - aber Politik, Medien und Gesellschaft sollten sich nicht vor der Frage scheuen, welche Ursachen sowas hat. Von welchem Klientel derlei Taten ausgehen usw.
Und genau das passiert. Heute in der Landes-PK haben MP sowie die LM Innen und Justiz klar und deutlich gesagt, was Masse ist. Da die Stadt Stuttgart auch noch ein Wörtchen mitzureden hat, wurde noch kein ganzheitliches Konzept beschrieben. Wird aber noch kommen. Kontrollen, Video, Aufenthaltsverbote, Präsenz, Alkoholverbot u v m. Möglichkeiten gibt es zuhauf, und sollen auch genutzt werden.
Die Festgenommenen wurden ziemlich deutlich beschrieben, inklusive Alter, Nationalität, Tatvorwurf, Aufenthaltsstatus, Alko-Wert. So detailreich wäre es noch vor 2 Wochen undenkbar gewesen, political correctness...
Übrigens finde ich bei dieser Lage mit zusammengestoppelten Kräften 25 direkte Festnahmen, davon 8 bestätigt in U-Haft, eine ziemlich gute Quote.
Diese Lage in Stuttgart ist nicht der Untergang des Abendlandes. Aber sie legt den Finger in eine Wunde, die langsam immer größer wird. Ich möchte keine Zustände wie z.B. in Frankreich. Aber da entwickeln wir uns hin, wenn wir nicht aufpassen. Da sind auch wir als Polizei gefordert. Relativierung ist aus meiner Sicht nicht der richtige Weg, sondern...
Weder Relativierung, noch Schwarzmalerei ist der richtige Weg. Konsequentes Einschreiten unter der Überschrift ‚Deeskalation durch Stärke‘. Ich würde mich auch nicht wundern, wenn der BMI bei Bedarf auch noch die eine oder andere EHu angeboten hat.
Controller hat ja schon ein paar Ereignisse der Vergangenheit aufgezählt, bei den meisten hatte ich das Vergnügen sie live ganz vorn zu erleben. Die Kassandrarufe waren dabei den jetzigen ziemlich ähnlich. Mangels Internet nur nicht so laut. Im Ergebnis wurde das alles mehr oder minder schnell und nachhaltig gelöst. So wird’s auch jetzt sein.

Kleines Schmankerl aus der Zeit meiner Eltern, und das war damals ebenfalls der Untergang des Abendlandes...

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-32216322.html

Benutzeravatar
Kaeptn_Chaos
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 26037
Registriert: Di 22. Feb 2005, 00:00
Wohnort: Tal der Verdammnis

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Di 23. Jun 2020, 18:31

Sir James und Rafael, sehr gut. Danke.
:lah:

Benutzeravatar
zambo84
Corporal
Corporal
Beiträge: 312
Registriert: Di 4. Mär 2008, 00:00

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon zambo84 » Di 23. Jun 2020, 18:43

@ SirJames: :applaus: :zustimm: Viel besser kann man es nicht zusammenfassen.

@ RafaekGomez: "Deeskalation durch Stärke"
Puh. Ich kann es nicht mehr hören. Deeskalation hier, Deeskalation da.
Wieso kommt bei dir das "konsequente Einschreiten" unter die Überschrift "Deeskalation durch Stärke"? Wieso kann "konsequentes Einschreiten" nicht die Überschrift sein?
Es ist absolut selbstverständlich, dass die Polizei grundsätzlich deeskalierend agiert. Man kann auch deeskalierend und konsequent zugleich sein. Deeskalation ist nicht gleichzusetzen mit schwach (auch wenn es bei einem gewissen Klientel so wahrgenommen wird). Deeskalation ist in vielen Situtaionen geboten und gut.
Aber, es gibt auch sehr viele Einsatzsituationen, in denen ich auf die Deeskalation schei....., z.B. in der Randalenacht in Stuttgart. Ich muss nicht immer erst deeskalierend agieren. Und das darf die Polizei auch nach außen vermitteln. Und die Politik ebenso.

Warum stets und ständig, beinahe zwangsneurotisch, dieser Begriff bemüht werden muss, in allen möglichen Wort- und Sinnkombinationen, erschließt sich mir nicht.

RafaelGomez
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 2966
Registriert: Mi 17. Sep 2008, 00:00

Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon RafaelGomez » Di 23. Jun 2020, 18:54

Du hast offenbar ein gespanntes Verhältnis zum Begriff ‚Deeskalation‘, und/oder die falsche Definition.

Deeskalation ist die Verhinderung von Konflikten. Das erreiche ich durch wachsweiches Zureden, oder aber durch sichtbare Stärke. Unschöner formuliert könnte man auch einschüchtern sagen. Ich bezeichne das als Entscheidungshilfe...
Wenn dann mein Gegenüber immer noch mitbieten will, kommt das robuste Einschreiten. Was aber auch nur mit entsprechender Stärke funktioniert.

Benutzeravatar
zambo84
Corporal
Corporal
Beiträge: 312
Registriert: Di 4. Mär 2008, 00:00

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon zambo84 » Di 23. Jun 2020, 19:13

RafaelGomez hat geschrieben:
Di 23. Jun 2020, 18:54
Du hast offenbar ein gespanntes Verhältnis zum Begriff ‚Deeskalation‘, und/oder die falsche Definition.
Die Definition ist mir durchaus geläufig. :polizei3:

Ich habe auch kein gespanntes Verhältnis zur Deeskalation an sich. Ich habe ein Problem mit der inflationären Verwendung des Begriffs "Deeskalation" und damit, dass die Deeskalation die Lösung für alle Probleme sein soll. (Ich weiß, dass du das nicht behauptet hast. :polizei2: )

1957
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 6866
Registriert: Sa 2. Dez 2006, 00:00

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon 1957 » Di 23. Jun 2020, 19:16

Rafael und Sir James, Kompliment :zustimm:

Brot
Moderator
Moderator
Beiträge: 3653
Registriert: Mi 31. Dez 2008, 00:00
Wohnort: BW

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Brot » Di 23. Jun 2020, 19:24

RafaelGomez hat geschrieben:
Di 23. Jun 2020, 18:21
Die Festgenommenen wurden ziemlich deutlich beschrieben, inklusive Alter, Nationalität, Tatvorwurf, Aufenthaltsstatus, Alko-Wert. So detailreich wäre es noch vor 2 Wochen undenkbar gewesen, political correctness...
Übrigens finde ich bei dieser Lage mit zusammengestoppelten Kräften 25 direkte Festnahmen, davon 8 bestätigt in U-Haft, eine ziemlich gute Quote.
Hier gibt es die Angaben zu den Alkoholwerten und der Herkunft:
https://www.stuttgarter-nachrichten.de/ ... 34abf.html

Der "Spitzenwert" lag bei 2,34 Promille.

In den SWR Nachrichten wurde ebenfalls die Herkunft angesprochen und dass es unter den Festgenommenen welche mit deutscher Nationalität gibt, wo aber ein Migrationshintergrund vorliegt (Quelle: ab Minute 9:40).

Diese Transparenz befürworte ich ebenfalls. Nur so ist meiner Meinung nach die Erstellung eines Konzeptes, welches dann von der Öffentlichkeit akzeptiert und mitgetragen wird, möglich.

Benutzeravatar
Controller
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 17609
Registriert: Mo 20. Dez 2004, 00:00

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Controller » Di 23. Jun 2020, 19:26

Das Problem liegt mMn eher darin, dass die D.-Strategie völlig gegensätzlich gesehen wird.
Auf Seiten der Polizei seit Erstanwendung bei den Berliner Mainächten als probates Einsatzkonzept und beim Gegenüber als Kuschelkurs und Schwanz einziehen.🤔🤔
Wäre es das höchste Ziel eines Kapitäns, sein Schiff in Stand zu halten,
so ließe er es auf immer im Hafen. (Thomas von Aquin)

Harkov

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Harkov » Di 23. Jun 2020, 20:46

nochmal was Schönes zu Trooper Medienkritik.
selige Herr Pfeiffer, seineszeichens diplomierter Killerspiel-Analysator und Top-Professor:
https://m.focus.de/panorama/welt/stuttg ... WWDlpbPYHs

Der Staat ist also schuld, man hat die Leute ja eingesperrt, damit sie nicht zu tausenden verrecken, wie in Italien. Da ist es doch klar was passiert:

Die eine Hälfte der Partynasen hat die Schnauze voll von HomeOffice, die andere Hälfte waren alles erfolgreiche Geschäftsmänner, die nun die Konkurrenz entglasen.
Denn so muss es ja sein, wenn wir von Verlierern sprechen.

Ich darf daran erinnern, dass wir einem Land wohnen, was dem Durchschnittsbürger - nicht dem Selbstständigen - moderate Beschränkungen zum Schutze für Leib und Leben abgerungen hat. Minimal-invasiv für junge, gesunde Menschen.
Dieser, bestechenden Logik folgend, warte ich zitternd auf den Aufstand der Krankenschwestern und Aldi-Kassierer ! :polizei4:
Zuletzt geändert von Harkov am Di 23. Jun 2020, 21:13, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Controller
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 17609
Registriert: Mo 20. Dez 2004, 00:00

Re: Randale & Plünderungen in Stuttgart

Beitragvon Controller » Di 23. Jun 2020, 20:57

Harkov bitte!!!!!!

Ohne dass ich den Artikel gelesen habe, weiß ich genauso gut wie du, was mit Verlieren gemeint ist.

Also, was soll das ??
Willst du deine Reputation, die du bei mir hast, nun ganz verotskeven??
Wäre es das höchste Ziel eines Kapitäns, sein Schiff in Stand zu halten,
so ließe er es auf immer im Hafen. (Thomas von Aquin)


Zurück zu „Aktuelle Themen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste



  • Neue Mitglieder

  • Top Poster

  • CopZone Spende