das erste Praktikum als Bachelor

Auswahlverfahren und Ausbildung

Moderator: Polli

Benutzeravatar
Kaeptn_Chaos
Deputy Inspector
Deputy Inspector
Beiträge: 25253
Registriert: Di 22. Feb 2005, 00:00
Wohnort: Tal der Verdammnis

das erste Praktikum als Bachelor

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Mi 22. Aug 2012, 21:03

Durch die Umstellung auf den Bachelor scheint mir ein neuer Ratgeber aus Tutoren/Ausbildersicht zum Thema Praktikum nötig.

Wie man dem Studienverlaufplan entnehmen kann, kommt man in NRW recht früh, nach 10 Monaten, zum ersten Mal in den Echtbetrieb. Man fährt in Uniform, als drittes Männlein / Weiblein, im Funkwagen durch die Lande. Man ist bewaffnet, man trägt Verantwortung und man wird von Fremden - zum Beispiel dem Bürger, der einem zwangsläufig mal als Opfer, Hinweisgeber, Ratsuchender, Bittsteller oder auch Störer oder Gegner, begegnet - in der Regel als "Schutzmann" wahrgenommen. Meine diesjährige Betrachtung des nun bald wieder scheidenen EJ 2011 hat mich in meiner Wahrnehmung bestätigt, dass es sich bei meinen letztmaligen Betrachtungen des Bachelor seit 2008 nicht um Einzelfälle handelt, sondern es scheinbar tatsächlich nicht allen klar ist, worum es geht.

Nur, um das klar zu stellen: Das ist keine Stimmungsmache gegen den Bacherlorstudiengang. Der hat viele Vorteile, wie zum Beispiel das frühe Praktikum. Und 70 - 80 % der Azubis laufen unauffällig bis positiv auffallend durch das Praktikum und es macht Spaß, mit ihnen zu arbeiten und ihnen Polizei bei zu bringen. Leider gibt es auch die anderen.

Zu allererst mal sollte man sich eines verdeutlichen:

Die Wache ist nicht die FH. Wenn man das begreift, ist schon viel gewonnen. Eine Wache arbeitet in der Realität und vergibt nur selten zweite Chancen. Eine Wache ist - wenn auch nur noch in geringem Maße - hierarchisch und bis auf wenige Ausnahmen arbeiten da keine pädagogisch geschulten Menschen. Meist arbeiten da Polizeibeamte. Die haben ihren eigenen Anspruch, ihre eigene Bewertung von gut und schlecht und vor allem haben die Leute keine Zeit.

Ja, ihr seid der Nachwuchs. Ja, wir wollen und wir brauchen euch. Aber: Ihr bedeutet auch einen entscheidenden Einschnitt und eine Belastung in einem kleinen Schutzmannsalltag. Ihr habt das Wappen am Ärmel und offiziell seid ihr Kollegen. Nichtsdestotrotz seid ihr - in den Augen der meisten - noch nicht auf Augenhöhe. Das ist nicht böse gemeint, aber Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Ihr seid Azubis. Ihr wollt und müsst lernen -und darum seid ihr auf die anderen angewiesen.

Ihr kommt meist an einem Tag in der Behörde an und werdet zentral begrüßt - in der Regel mit Fototermin beim Behördenleiter, also Landrat und AL Polizei, bzw. PP. Die Wachleiter sind auch anwesend und begleiten euch dann zu eurer Wache.

Wenn ihr in der Cafete an der FH mit einem PD per du seid oder euch ein lässiger EPHK als Dozent zur Begrüßung abshaked, ist das schön und gut. In der Behörde empfiehlt es sich nicht, Leute, die mehr als drei silberne oder gar goldene Sterne haben, plump vertraulich zu behandeln. (Andere auch nicht, zumindest bis ihr wisst, wer das ist und wie er tickt) Das sind Vorgesetzte, die meist Leute, die ü10 Jahre Diensterfahrung haben, noch distanziert behandeln und siezen. Also seid offen, seid nett - ein dummer Spruch kommt auch nicht schlecht, aber sagt nicht "Na, du könntest aber auch mal wieder laufen gehen, wa, Keule?" zu eurem EPHK Wachleiter. Das findet der weder originell, noch amüsant. Der merkt sich sowas auch. Und wenn dann irgendwann mal jemand Beschwerde über euer loses Mundwerk führt, kramt er diese Geschichte wieder hervor.

Dann kommt ihr auf eure Wache. Es ist nie verkehrt, sich vorher schon mal schlau zu machen (Telefon ist Kumpel) wo man landet und wer mein Tutor wird. Dann kann man fragen, wann der im Dienst ist. Dann sollte man sich durchaus mit dem mal verabreden und vor dem offiziellen Termin ein Vorgespräch führen. Dann weiß man schon mal wesentliche Dinge im voraus. Grundabsprachen können getroffen werden, Handynummern können getauscht werden.

Wenn man Handynummern tauscht: Obacht. Der Tutor gibt dir seine Handynummer nicht, weil er jetzt die nächsten zwei Wochen von dir wissen will, wie kacke die FH ist oder wie sehr du dich auf das Praktikum freust. Aber wenn du eine Woche vorher fragst: "Hey, wie arbeiten wir eigentlich nächste Woche, treffen wir uns noch mal vorher, was soll ich alles mitbringen?" kommt das schon verdammt gut an.

Auf der Wache arbeiten viele Leute. Niemand verlangt von euch, dass ihr sofort alle Namen kennt. Ihr solltet aber schon wissen, wer in eurer Tour ist. Vor allem euren DGL und euren WDF solltet ihr kennen. Ihr solltet euch frühzeitig um Telefonnummern kümmern: Wie erreiche ich die Wache und die Leitstelle. Ein guter Tutor schenkt euch einen Zettel, auf dem verschiedene Anschlüsse stehen - ohne die Nummer. Dann ist es eure Aufgabe, die Nummern im Behördentelefonbuch zu ermitteln. Das sollte man nicht lange aufschieben. Irgendwann brauchst du die mal - und wenn du in der vierten Woche fragen musst, welche Telefonnummer (oder Adresse) die Wache hat, zeugt das weder von Interesse noch von Engagement.

Merkt euch Sachen! Wenn euch Dinge wie die Vorplanung, Formularschrank, tägliche Rituale wie Vollständigkeitsprüfung von Wach- oder Funkwagenbestand erklärt werden, erwartet man auf einer Wache, dass man das nur einmal tun muss. Es ist niemand böse, wenn man das beim zweiten Mal noch noch nicht alleine kann oder Nachfragen hat - aber den kompletten Inhalt noch mal erklären...da sind wieder diese Zweifel an Interesse und Engagement.

Wenn euch Dinge aufgetragen werden, erledigt diese zeitnah. Es ist weder LAFP, noch FH. Da macht ihr das dann eben in der zweiten oder dritten Kaffeepause...hier ist in der zweiten oder dritten Kaffeepause der nächste Einsatz. Wenn also Tutorlein sagt: Die Batterien in der Kamera sind alle, hol mal neue...dann hol neue. Doof wäre, wenn du erst eine rauchst und Käffchen trinkst...und dann der VU P kommt, ihr rausrennt - und dann der Chef nachkommen muss, um euch Kamerabatterien bringen zu müssen. Unprofessionell. (Wenn die Prüfung des Funkwagenbestandes - s. o. - zu euren Aufgaben gehört, kann es ja Gott sei Dank nicht sein, dass die Batterien leer sind, die habt ihr ja vorher überprüft. :polizei2:

Zum Thema Prüfungen:

Die sind im ersten Praktikum ein Hohn. Also keine Panik. Ihr bekommt eine Checkliste, die arbeitet ihr ab. Auch, wenn ihr es anders kennen gelernt habt: Wenn auf der Checkliste steht, Mütze auf, dann setzt ihr die Mütze auf. Wenn ihr keine Mütze auf hattet und - auch, wenn es objektiv betrachtet nicht fair und nicht richtig ist - der Tutor und der Prüfer keine aufhatten, steht das nicht zur Diskussion. Es ist deine Prüfung, nicht deren. "Ja, aber" geht leider Gottes an der FH und im LAFP - aber da seid ihr ja nicht. Ihr seid auf der Wache.

Im anschließenden Bewertungsgespräch sollte man sich durchaus mal kritisch selbst reflektieren. Man muss sich nicht unter Wert verkaufen und wenn man was gemacht hat, was gut war, aber keinen Weg in die Bewertung fand, sollte man das ruhig ansprechen. Aber man sollte mit seinem Tutor und DGL nicht über jeden Punkt feilschen. Die sind keine Pädagogen, die sind Schutzleute. Die sind es gewohnt Sachverhalte schnell zu erfassen und abschließend zu bewerten. Meist steht das Ergebnis. Meist sind das gewohnte Diskutierer, die üblicherweise ihren Standpunkt verteidigen. Vermutlich hast du bis zum Bewertungsgespräch bereits erlebt, wie dein Tutor und auch dein DGL am Einsatzort agieren. Meist haben sie eine Engelsgeduld und versuchen, verbal zu einem Ergebnis zu kommen...aber irgendwann gibt es einen Punkt. Wenn du gesehen hast, wie die beiden an diesem Punkt vorgehen und wie sie dann freundlich, professionell und rechtmäßig ihre Maßnahme durchsetzen...willst du denen jetzt wirklich was erzählen?

Jetzt mal was wichtiges:

Außerdienstliche Veranstaltungen. Wenn die Dienstgruppe will, dass du daran teilnimmst, wirst du gefragt. Wenn du das Gefühl hast, die haben nur vergessen, dich zu fragen, erkundige dich im stillen Kämmerlein bei deinem Tutor. Wenn man dich nicht dabei haben will, nimm es nicht persönlich. Dann habe die bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt.

Wenn du teilnehmen darfst und auch, wenn es außerdienstlich ist: Sieh es einfach aus als Test. Dräng dich nicht auf, sei aufmerksam und hilfsbereit - und sollte ausnahmsweise Alkohol konsumiert werden: Schieß dich nicht aus dem Leben!

Vielen von euch ist das klar und ihr sagt jetzt: "Chaos wird doch senil, was soll der Mist? Ist doch klar!"

Nein, ist es nicht. Sogar unsere Lebensälteren, die sich hier ja auch gerne mal feiern, schaffen es, sich auf dem ersten Gemeinschaftsabend so dermaßen daneben zu benehmen, dass es einfach erschütternd ist. Ich habe einen exemplarischen Sachverhalt mal hier mehreren Usern und Beni und Polli zur Diskussion gegeben und abgesehen von der Fassungslosigkeit erkennt mancher da sogar schon strafrechtlich relevante Vorkommnisse. Ihr seid Widerrufsbeamte. Wenn ihr eins nicht gebrauchen könnt, dann eine Strafanzeige von Kollegen im Praktikum...die u. a. auf charakterliche Ungeeignetheit im Vollsuff zurück zu führen ist.

Zu guter Letzt: Das Praktikum soll Spaß machen. Es sind alles Schutzleute, die dich umgeben. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die alle zumindest ähnlich wie du ticken. Komm in die Wache, gib jedem die Hand, sag allen Hallo und sei nett....wenn dir jemand was erklärt, sei aufmerksam. Wenn du Fragen hast, frag. Du bestimmst, wieviel du lernst. Wenn dein Tutor eine raucht und du Nichtraucher bist...frag deinen WDF oder Funker, was er da eigentlich gerade macht. Oder frag die Kollegen, von denen du mitbekommen hast, dass die was spektakuläres schreiben, ob du die Anzeige mal lesen darfst.

Klingt jetzt vielleicht erstmal einschüchternd, aber mit durchschnittlicher Kinderstube und normaler Interessenlage wird das ein Selbstläufer und ihr hättet das gar nicht lesen müssen. Die anderen 20 - 30 % sind hier explizit angesprochen.
:lah:

Benutzeravatar
HennesDerAchte
Police Officer
Police Officer
Beiträge: 173
Registriert: Di 8. Nov 2011, 15:03
Wohnort: Köln

Re: das erste Praktikum als Bachelor

Beitragvon HennesDerAchte » Mi 22. Aug 2012, 21:22

Ich selber schätze meine Kinderstube und Interessenlage zwar als mindestens durchschnittlich ein :polizei2: , fand deinen Beitrag aber dennoch sehr informativ und lesenswert. Ich denke, trotzdem die ein oder andere wichtige Anregung und/oder Erinnerung darin gefunden zu haben, obgleich einem das meiste vielleicht wirklich selbstverständlich erscheinen mag. Auch als sog. Lebensälterer, der ich mit meinen Ü30 wohl bin.

Danke dir auf jeden Fall dafür :zustimm:
Et kütt wie et kütt.

Peppermintpete
Captain
Captain
Beiträge: 1587
Registriert: So 15. Jan 2012, 20:40
Wohnort: NRW 48xxx

Re: das erste Praktikum als Bachelor

Beitragvon Peppermintpete » Mi 22. Aug 2012, 21:26

Aus meiner Sicht ein gelungener Beitrag - wie (fast) immer :polizei2:

Man sollte es den Kollegen übrigens auch nicht bös nehmen, wenn die mal etwas direkt oder laut sind. Je nach Situation kann es einfach nötig sein (weil es schnell gehen muss), man wird mit der Zeit im Umgang untereinander auch mal etwas derber (eher ein Zeichen von Vertrauen), oder man hat grad Lust zu schreien. In der Regel ist es nicht bös gemeint - und wenn doch, dann zumeist schnell vergessen. :polizei1:
:keks:

Europol110
Constable
Constable
Beiträge: 86
Registriert: Sa 26. Nov 2011, 12:11

Re: das erste Praktikum als Bachelor

Beitragvon Europol110 » Mi 22. Aug 2012, 21:44

Interessant zu lesen, wie es in anderen Bundesländer mit Praktikanten so funktioniert bzw. was die Praxisausbilder so erwarten.

Da bin ich mit meinen über 23 Dienstjahren positiv überrascht.

Kaept'n :zustimm:

Benutzeravatar
Leprechaun
Police Officer
Police Officer
Beiträge: 114
Registriert: Di 14. Aug 2012, 16:43

Re: das erste Praktikum als Bachelor

Beitragvon Leprechaun » Mi 22. Aug 2012, 21:51

:zustimm:

Benutzeravatar
Polli
Stellv. Administrator
Stellv. Administrator
Beiträge: 17280
Registriert: Sa 10. Apr 2004, 00:00
Wohnort: Ruhrgebiet

Re: das erste Praktikum als Bachelor

Beitragvon Polli » Mi 22. Aug 2012, 22:16

Hi Kaeptn,



herzlichen Dank für deinen informativen Erfahrungsbericht. :zustimm:

Um das Thema übersichtlich zu halten, habe ich den Beitrag geschlossen.


Gruß :polizei2:



Polli (NRW)

--> Hier gibt´s Beratung - bitte mal draufklicken :!:

Polli is wech - vom 04.06.19 - 23.06.19



http://polizeistiftung-nrw.de/


Wählen ist wie zähneputzen, wenn mans nicht macht, wirds braun!


Zurück zu „Nordrhein-Westfalen“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste



  • Neue Mitglieder

  • Top Poster

  • CopZone Spende