Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

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JonnyMadFox
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Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon JonnyMadFox » Mo 10. Sep 2018, 19:10

Servus.
Ich wollte mal ein allgemeines, vielleicht eher philosophisches, Thema anschneiden.
Wie kann man es moralisch Rechtfertigen, in Zeiten von hohen Vermögensungleichheit, Polizist zu sein?

http://www.spiegel.de/wirtschaft/sozial ... 89111.html
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/ ... -1.3791457

Ich sehe den Polizeiberuf immer als eine Art Dilemma an. Auf der eine Seite verfolgen Polizisten Verbrechen wie Mord, Vergewaltigung ect., aber auf der anderen Seite schützt die Polizei auch Eigentumsrechte (und damit meine ich nicht die Zahnbürste, sondern im Kapitalismus rechtlich-kodifiziertes Eigentum wie z.B. Eigentum an Produktionsmitteln). D.h. als Polizist schützt man Verbrechen, die die Ursache von anderen Verbrechen sind.

Wie ist der Polizeiberuf überhaupt gerechtfertigt? Von welchem Menschenbild geht er aus? Gerade wenn man sich die Ursprünge des Polizeiberufs anschaut, wie er sich Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts zur Unterdrückung der Arbeiterbewegung entwickelt hat, d.h. aufgrund von Kapitalinteressen.
https://libcom.org/history/origins-poli ... whitehouse

Wäre Polizei, in einer wirklich freien Welt, noch notwendig? Immerhin gab es diesen Beruf nicht schon immer, die Gesellschaft hatte in vorkapitalistischen Zeiten eigene, mehr oder weniger gute, Methoden entwickelt um mit Verbrechen klar zu kommen. IMO ist der Polizeiberuf eine Phänomen der Industrialisierung und Entstehen des Kapitalismus, eben um Eigentumsrechte zu verteidigen und zu erhalten, und somit zur Stabilisierung eines Klassensystems. Wie kann man sowas persönlich rechtfertigen? Und wie werdet ihr mit solchen Widersprüchen in eurem Leben fertig? (z. B. Wohnungsräumung wegen Mietverzug, oder Obdachloser klaut Brötchen im Supermarkt ect..)

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Controller » Mo 10. Sep 2018, 19:33

Immerhin gab es diesen Beruf nicht schon immer, die Gesellschaft hatte in vorkapitalistischen Zeiten eigene, mehr oder weniger gute, Methoden entwickelt um mit Verbrechen klar zu kommen
soso, welche denn ?? :polizei10:

Der Polizist entwickelte sich historisch aus dem fünften Beruf der Menschheitsgeschichte.
Wäre es das höchste Ziel eines Kapitäns, sein Schiff in Stand zu halten,
so ließe er es auf immer im Hafen. (Thomas von Aquin)

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Holger73 » Mo 10. Sep 2018, 19:36

Hallo JonnyMadFox,

ich persönlich finde deine Fragen sehr interessant und hoffe doch sehr, dass die Kollegen (sofern sie antworten wollen) dieses sachlich tun.
Auch wenn in deiner Fragestellung ein gewisser Unterton mitschwingt freue ich mich doch sehr auf eine vernünftige Diskussion.

Mein Beitrag zum Thema wird kommen sofern ich mehr Luft zum antworten habe... sofern der Thread dann noch offen ist.

Grüße Holger
"Das Problem, ob Denken ohne Sprache möglich sei, ist immer noch umstritten. Dagegen wird die Tatsache, daß Sprache ohne Denken durchaus möglich ist, täglich tausendfach bewiesen."

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Habakuk2 » Mo 10. Sep 2018, 20:48

Ich sehe die hohe Ungleichkeit jetzt eigentlich nicht, wenn ich weitere Zeitabschnitte wähle und meinen Blick nicht nur auf finanzielle Verhältnisse, sondern auf den Zustand der Grund- bzw. Menschenrechte allgemein richte- von einem Blick in andere Länder 2018 willl ich erst gar nicht sprechen.

Obwohl ich bei der täglichen Auslebung sicherlich hier und da, mehr oder weniger graviend, Mängel sehe, ist dieses Land freier und rechtstaatlicher als je in seiner Geschichte zuvor:

Ehemals - z.T. leider auch- polizeilich verfolgte Gruppen, welche Aufgrund

von
-Glauben
-Herkunft
-Körperlichen Zustand
-Politischer Meinung
-Geschlecht(liche Identität)

verfolgt wurden

genießen heute trotz vereinzelt durchaus noch bestehendem Widerstand deutlich mehr Rechte. Diesen Zustand zu schützen ist ohne unsere rechtstaatliche und demokratische Polizei überhaupt nicht denkbar.

Das "Früher" was du ansprichst, war deutlich gewalttätiger und dunkler, als die Gegenwart, bei aller Not und allem Elend . Dies wissen wenige Personen so gut, wie Polizeibeamte.

Auf den Satz, wir würden Verbrechen schützen, die die Ursache von anderen Verbrechen sind, enthält schon wieder soviele Thesen (auf Galtung ist bereits hinreichend geantwortet worden ), dass ich nur noch an die Methoden erinnern möchte, die in "vorkapitalistischer Zeit" erdacht wurden um Verbrechen (nehmen wir mal Hexen, Ketzer, Judenpogrome,"Sodomiten" ) zu sühnen (brutalste Körperstrafen oft nach Folter).

Der Polizeibegriff , wenn man so will, ist wirtschaftlich erdacht ( zumindest nicht in erster Linie), sondern politisch und beginnt früher, nämlich mit der Entstehung der Verwaltung durch die Herausbildung von Staaten (später mit dem Zusatz "National") im westfälischen System.


Ich habe noch NIE einen Obdachlosen gesehen, der Essen vor Hunger stielt. Die These, der Mensch werde durch gesellschaftliche Verhältnisse zu kriminellem Verhalten gezwungen kann ich ebenfalls schlecht bestätigen.


In einem Punkt hast du allerdings Recht, hohe Vermögensungleichheiten stellte ich als Berliner Landesbeamter dienstlich immer dann fest, wenn ich auf Kollegen der BPol treffe :polizei3: .

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Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Officer André » Mo 10. Sep 2018, 21:09

Habakuk2 hat geschrieben:Ich habe noch NIE einen Obdachlosen gesehen, der Essen vor Hunger stielt. Die These, der Mensch werde durch gesellschaftliche Verhältnisse zu kriminellem Verhalten gezwungen kann ich ebenfalls schlecht bestätigen. : .
Die meisten Eigentumsdelikte geschehen aus Konsum- und Luxusgeilheit. Nicht aus der Not.

Die meisten Schuldenfallen entstehen ebenfalls aus Konsum und Luxus.
Oder es wurde sich nicht gekümmert.
Ungeöffnete Briefe, Verwahrlosung, psychische Probleme, Sucht ... die Ursachen sind oft ähnlich.

Ich sehe mich nicht als Handlanger der Ungerechtigkeit.
Polizist ist durchaus ein sozialer Beruf.

Wir haben hier einen Sozialstaat wie ihn sich sonst kaum ein Land leistet.



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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Mo 10. Sep 2018, 21:21

Ich sehe mich als Robin Hood. Früher hatte ich auch einen grünen Zwirn. Mein Bogen ist immer gespannt, meine Pfeile treffen immer.
Ein bisschen bin ich auch TKKG - nur politisch korrekt.
Ich bin auch eine Mischung der ???. Ich schlussfolgere logisch wie Justus, bin athletisch wie Peter und recherchiere und archiviere sorgfältig wie Bob Andrews.

Wo es den Sheriff von Nottingham gibt...
Wo es den Haareklauer aus Bad Finkenstein gibt...
Wo Skinny Norris sein Unwesen treibt...

Da muss es auch etwas gutes geben. Etwas reines. Ein Gegengewicht. Pepsi oder Cola? Michael Jackson oder Prince? BigMac oder Whopper?

Wir sind die Guten.

Historisch sind wir übrigens alle Nachfahren der Ghostbusters. Nur ohne Musik und mit lahmeren Autos. Sheeesh.

Ich küss dein Auge für deinen Beitrag.
:lah:

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Officer André » Mo 10. Sep 2018, 21:30

Kaeptn_Chaos hat geschrieben:
Mo 10. Sep 2018, 21:21
Ich küss dein Auge für deinen Beitrag.
:polizei4:

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Mo 10. Sep 2018, 21:35

Du hast die Angewohnheit, Beiträge immer als Erwiderungen auf dein letztes posting zu verstehen.
Ich schrob dem TE.
Chill mal deine base.
:lah:

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Officer André » Mo 10. Sep 2018, 21:43

Kaeptn_Chaos hat geschrieben: Ich schrob dem TE..
Hatte ich auch nicht auf mich bezogen.




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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Kulinka » Mo 10. Sep 2018, 22:32

Controller hat geschrieben:
Mo 10. Sep 2018, 19:33

Der Polizist entwickelte sich historisch aus dem fünften Beruf der Menschheitsgeschichte.
Hallo Controller,

Word! :zustimm: Damit hätte sich die "philosophische" Komponente dann auch abschließend geklärt. Sofern diese im Hinblick auf den Unterschied zwischen Recht und Gesetz sowie auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung eines Gemeinwesens in diesem Thread, bzw. seinem Auftakt denn bestanden hat. :polizei1:

Viele Grüße
Kulinka

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Kulinka » Mo 10. Sep 2018, 22:40

Kaeptn_Chaos hat geschrieben:
Mo 10. Sep 2018, 21:21
Ich sehe mich als Robin Hood. Früher hatte ich auch einen grünen Zwirn. Mein Bogen ist immer gespannt, meine Pfeile treffen immer.
Ein bisschen bin ich auch TKKG - nur politisch korrekt.
Ich bin auch eine Mischung der ???. Ich schlussfolgere logisch wie Justus, bin athletisch wie Peter und recherchiere und archiviere sorgfältig wie Bob Andrews.

Wo es den Sheriff von Nottingham gibt...
Wo es den Haareklauer aus Bad Finkenstein gibt...
Wo Skinny Norris sein Unwesen treibt...

Da muss es auch etwas gutes geben. Etwas reines. Ein Gegengewicht. Pepsi oder Cola? Michael Jackson oder Prince? BigMac oder Whopper?

Wir sind die Guten.

Historisch sind wir übrigens alle Nachfahren der Ghostbusters. Nur ohne Musik und mit lahmeren Autos. Sheeesh.

Ich küss dein Auge für deinen Beitrag.
Hallo Kaeptn,

ich habe es nicht über mich gebracht, das Zitat oben zu kürzen. Hammer! Ich persönlich neige ja nicht so zu Signaturen in diesem Forum, obwohl man da ja prima Statements abgeben kann ... ;D

Und dann müssen Sigs ja auch kurz sein. Aber ansonsten würd ich das da oben von Dir als Sig nehmen. Großartiger Text. Heißer Anwärter auf meinen persönlichen Bester-Beitrag-Award aus über einem Jahrzehnt Copzone.

:mrgreen: :zustimm: :applaus: :applaus: :zustimm:

Viele Grüße
Kulinka

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Mo 10. Sep 2018, 22:54

My brother from another mother aus dem Hessenländle kann dir den oben dargebotenen Text auch in kurz servieren:

Für die Sache!

(C) by challenger
:lah:

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Officer André » Mo 10. Sep 2018, 23:14

Holger73 hat geschrieben:
Mo 10. Sep 2018, 19:36
Hallo JonnyMadFox,

ich persönlich finde deine Fragen sehr interessant und hoffe doch sehr, dass die Kollegen (sofern sie antworten wollen) dieses sachlich tun.
Auch wenn in deiner Fragestellung ein gewisser Unterton mitschwingt freue ich mich doch sehr auf eine vernünftige Diskussion.

Mein Beitrag zum Thema wird kommen sofern ich mehr Luft zum antworten habe... sofern der Thread dann noch offen ist.

Grüße Holger
Ich würde Holgers Beitrag gern noch erleben.
Falls das nicht zu viel verlangt ist

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Controller » Mo 10. Sep 2018, 23:32

Hallo Kulinka

mein Hinweis war -zugegebenermaßen- nur ein Teilaspekt der vielen Fragen die gestellt wurden.


Eine andere, die mir persönlich wichtig erscheint, ist diese hier, die ich auch aus meiner persönlichen Sicht beantworten möchte.
Wie ist der Polizeiberuf überhaupt gerechtfertigt? Von welchem Menschenbild geht er aus?
Ich befinde mich moralisch/ethisch auf dem Boden der 10 Gebote Gottes und versuche mein Leben daran auszurichten.
Und zu meiner großen Befriedigung erkannte ich recht früh, dass ich in diesem Beruf wieder und immer wieder damit zu tun hatte, Verletzungen dieser 10 Gebote zu verhindern, Brüche zu verfolgen und beizutragen die Schäden auszugleichen und zu helfen.
Schau mal auf die Gebote 4 - 10 !
Verstöße dagegen bestimmen zu fast 100 Prozent unseren Aufgabenbereich.
Und denkt man näher darüber nach, so wird man erkennen, dass diese Gebote ein friedliches Zusammenleben ermöglichen sollen.
Darin liegt die absolute Rechtfertigung.
Wäre es das höchste Ziel eines Kapitäns, sein Schiff in Stand zu halten,
so ließe er es auf immer im Hafen. (Thomas von Aquin)

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Re: Polizist in Zeiten hoher Ungleichheit

Beitragvon Kulinka » Di 11. Sep 2018, 00:33

Hallo Controller,

eben, es ist letztlich die Referenz auf eine innerhalb der abendländischen und abrahamitischen Tradition verankerte Vorstellung gesellschaftlicher Gerechtigkeit, deren Geist sich in den zehn Geboten sowie in umfassenden und detaillierten Kodizes unseres Rechts niederschlägt. Insofern mögen die wirtschaftlichen Parameter sich ändern und die politischen Farben auch, die echten Schutzleute werden in diesem vorgenannten Sinne immer die Menschen beschützen und das Recht, das ihnen ein zivilisiertes Zusammenleben ermöglicht. Weshalb ich ja, etwas verschwurbelt, wie es so meine Art ist, mit meinem letzten Beitrag schon andeuten wollte, die Frage des TEs sei weniger philosophisch als eigentlich, zumindest derzeit und hierzulande, ohne Grundlage. :polizei1:

Viele Grüße
Kulinka


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