Qualifizierungsprüfung von Häftlingen zur besseren Wiedereingliederung

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Qualifizierungsprüfung von Häftlingen zur besseren Wiedereingliederung

Beitragvon DerLima » So 9. Apr 2017, 04:40

Hallo,

ich habe diesen Artikel im Netz gefunden:
http://www.morgenpost.de/berlin/article ... linge.html

Im Kern geht es darum, dass Strafgefangene unmittelbar nach Haftantritt eine Art "Eignungsprüfung" (-Kompetenzfeststellungsverfahren-) durchlaufen, um festzustellen was die Gefangenen können und wollen, damit diese zielgerichtet aus- und/oder weitergebildet werden können.
Im Kern geht es darum, das oberste Ziel aus dem Berliner Strafvollzugsgesetz mit Leben zu füllen:
"Die Gefangenen sollen befähigt werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen."
Ich finde den Ansatz interessant und wollte mal fragen, ob es solche Verfahren auch in anderen BL gibt und was ihr als die Profis auf dem Gebiet des Strafvollzugs davon haltet.
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Re: Qualifizierungsprüfung von Häftlingen zur besseren Wiedereingliederung

Beitragvon ichhalt » Di 11. Apr 2017, 11:07

Wird in NRW bereits gemacht, bei Straftaten über 24 Monaten. Funktioniert super. Bedarfsgerecht wird hier anhand des Vollstreckungsplan eine Entschließung gesprochen, anhand derer die künftige Vollzugsanstalt den Gef. individuell betreuen und behandeln kann. Abweichend davon können natürlich weitere Maßnahmen getroffen werden, wenn sich zum Beispiel während der Unterbringung weitere Problem- oder Bedarfsfelder offenbaren.

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Re: Qualifizierungsprüfung von Häftlingen zur besseren Wiedereingliederung

Beitragvon DerLima » Di 11. Apr 2017, 17:14

Ok.
Wie wird das durchgeführt?
Ich hab mal vor etlichen Jahren über den BfD der Bw ein Kompetenzfeststellungsverfahren durchlaufen. Dieser beinhaltete einen mehrstündigen Test um meine bewussten und unbewussten Fähigkeiten und Fertigkeiten auf Grundlage meiner Bildung im Vergleich zu einer Vergleichsgruppe mit ähnlicher Bildung.
Muss ich mir das so vorstellen?
Oder ist es lediglich auf Basis eines Einzelgespräches?
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Re: Qualifizierungsprüfung von Häftlingen zur besseren Wiedereingliederung

Beitragvon Nightshift » So 16. Apr 2017, 02:01

Moin,
auch in SH ist die, wie sie bei uns heißt - Berufswegeplanung - Berufsorientierte Potentialermittlung - Profiling - nicht neu.
Aber wir haben keine neues Gebäude bekommen, welches wir der Presse vorstellen konnten :polizei7:
Seit circa 8 Jahren werden die motorischen und kognitiven Fähigkeiten getestet - Jedoch ist es bei uns noch keine Pflicht - Die Gefangenen werden durch Ihre Abteilungsleitung angesprochen, ob sie daran teilnehmen möchten. Die gewünschten Teilnehmer bringen ein Haftzeit über 2 Jahre mit sich und beherrschen die deutsche Sprache recht gut. Die Teilnahme wird dann als Profiling vergütet und dauert von 1 Woche bis 3 Wochen im Jugendvollzug mit EDV Grundeinheit.
Man kann es sich schon so vorstellen, wie in dem von Dir beschrieben Kompetenzfeststellungsverfahren. Wobei auch Interviews zu Neigungen und Interessen geführt werden.

Für den VAL hat es den Vorteil, bei der Vollzugsplanung einen professionell durchgeführten Test mit entsprechend aufbereiteten Ergebnissen nutzen zu können, um eine berufliche/schulische Planung mit dem Gefangenen zu planen.
Weiter werden Ressourcen besser genutzt und ausgelastet - Auch ist die Zahl der Abbrecher gesunken.
Die im Lande angebotenen Möglichkeiten der beruflichen Bildung und/oder Schule gehen von 3 Monate (Arbeitstherapie, berufsorientierte Grundbildung Arbeitstraining) über Teilqualifizierungen Gebäudereiniger, Fahrzeugreiniger, Beikoch 6 - 8 Monate - schulische Angebote 6 Monate bis 12 Monate und Vollausbildungen bis 42 Monate.

Jedoch besteht auch weiterhin das Problem, dass der Gefangene durchhalten muss - private Probleme, Drogenkonsum und Streitigkeiten mit Mitgefangenen/oder dem Ausbilder führen recht häufig zum vorzeitigen Abbruch der Maßnahme. Es ist schon erstaunlich, wie wenig belastungsfähig viele der Gefangenen sind, wenn es auf einen regelmäßigen Arbeitsablauf ankommt und gleichbleibende Arbeitsgüte und Motivation erwartet wird.

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Re: Qualifizierungsprüfung von Häftlingen zur besseren Wiedereingliederung

Beitragvon Syzygy » So 16. Apr 2017, 03:11

Bei uns im MRV wird auch für jeden Patienten mit längerfristiger Unterbringung ein Wiedereingliederungsplan erstellt. Hierbei werden bei erkennbarer Bereitschaft verschiedene Interviews und Tests durchgeführt, die einen Überblick über Dinge wie Alphabetisierung, Konzentrationsfähigkeit, Motorik, Intelligenz usw. geben.

Das geht vom klassischen IQ Test über Fragebögen die Vorkenntnisse und Interessen abfragen bis hin zu Probearbeitsstunden. Aber auch externe Beurteilungen bezüglich Verlässlichkeit, Tagesstruktur, Konfliktmanagement etc. spielen da rein. 'ne standardisierte "Prüfung" mit vergleicharen Ergebnissen ist das allerdings (noch) nicht.

Anschließend werden Angebote gesucht (oder in Einzelfällen geschaffen), die vorhandene Lücken schließen (Beschulung, Ergotherapie) oder auf vorhandene Fähgikeiten aufbauen (Schreinerei, Fahrradwerkstatt, Küche, Reinigungsdienst, Hol&Bringedienste etc..). Bei entsprechender Prognose und Arbeitsleistung wird an externe Arbeitgeber vermittelt, in unserem Fall entweder 'ne Behindertenwerkstatt, integrative Betriebe oder Arbeitgeber die Jobs für entlassene Häftlinge/Freigänger/Forensiker anbieten. Teilweise sind das dann Großküchen, Hausmeistereien, Reinigungsunternehmen oder sowas. Schul- oder Berufsabschlüsse können leider derzeit bei uns noch nicht erworben werden, es kann höchstens auf solche Ausbildungsstellen vermittelt werden wenn der Kandidat geeignet erscheint.

Erfolgreich ist es auf jeden Fall, ich kann sagen, dass wirklich fast jeder der hier aus Therapie- & Prognosegründen entlassen wird, irgend einer geregelten Tätigkeit relativ verlässlich nachgeht und diese zum Großteil auch nach der Entlassung aufrecht erhalten wird.

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Re: Qualifizierungsprüfung von Häftlingen zur besseren Wiedereingliederung

Beitragvon DerLima » So 16. Apr 2017, 06:37

Nicht schlecht. Hört sich sehr umfassend an. Danke für die Info.
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