Der tägliche Dienst

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Kaeptn_Chaos
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Der tägliche Dienst

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Do 17. Sep 2009, 00:09

Heute, Djangostreife. (also alleine im FuStKw für die Einhaltung der StVO gekämpft)

Und: Alle waren nett, total entspannt, reumütig. Niemand, der rumdiskutierte oder sich sooo ungerecht behandelt fühlte oder die schlechtesten Ausreden der Welt erfand...

Wirkt ein zweiter Beamter immer so schlechte Laune fördernd oder hatte ich heute nur Glück mit den Bürgern?

Meine Gesprächsführung war vorbildlich wie immer...daran kann es nicht gelegen haben.

War nett. Danke an alle Betroffenen. Auch an den T5 Fahrer, der nur bezahlt hat, weil er nicht mit mir vor den Richter wollte. Und ich habe den Gurtanker doch gesehen. :wink:
:lah:

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Trooper » Do 24. Jun 2010, 17:45

Ich tu mein Möglichstes... wenn ich mal wieder was Meldewürdiges erlebt habe UND auch noch Zeit habe, es aufzuschreiben.
Dear Kids,
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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Berniiii » Mi 22. Sep 2010, 10:40

Einsatz: "Weedbeat Reggae Festival"
Einsatzkleidung: zivil
FEM: leere Bierflasche, zwei weibliche Kolleginnen

Muss ja hoffentlich nicht sagen, dass die Vorfreude auf diesen Einsatz grenzenlos war. Auch wenn der Veranstalter uns bereits schon im Vorfeld größer angekündigt hat als die auftretenden Bands: Gestecktes Ziel für den Abend einige Btm-Anzeigen.

Unser EA war der südliche Zeltplatz, von dem eigentlich gesagt wurde, dass dort hauptsächlich Familien mit Kindern nächtigen würden und meine Laune kurzzeitig getrübt wurde, da trotz der heutigen Entwicklung, 6-Jährige zumindest derzeit noch nicht zu meinem gesuchten Klientel gehören.

Schlauerweise mussten wir trotz des Ziviloutfits mit unseren grün-weißen Sportwagen zum Abstellort vorfahren - die Route ging natürlich direkt am Zeltplatz vorbei, man will es sich ja schließlich nicht zu leicht machen!

Nachdem wir uns ca. 200 Meter vom Kfz entfernt hatten und uns auf die Jagd begeben wollten, war ich mir nich mehr wirklich sicher, ob ich die Karre abgeschlossen hatte und begab mich deswegen zügigen Schrittes zum Wagen zurück.

Dort hockte bereits Kunde Nr. 1 des Abends und versuchte in unserer Abwesenheit die Luft aus unseren geliebten Fahrzeugen zu lassen. Nach einem kurzen Sprint, welcher für ihn an einem Trekkerreifen endete, war die erste Festnahme des Abends vollbracht und meine Laune besserte sich sichtlich. Naja, schnell die Trantüte zum Chef gefahren und dort übergeben, zurückgejettet und mich wieder schnell zu den wartenden weiblichen Kolleginnen begeben.
Nachdem ich - ohne auch nur ansatzweise zu Wort kommen konnte - wurde ich zunächst erstmal mehrfach durchbeleidigt, warum ich denn so lange gebraucht hätte. Nach kurzer Einweisung ließen die Furien von mir ab und wir konnten uns endlich dem eigentlichen Auftrag widmen: Kiffer jagen!

Wie sich später herausstellte, kamen allein wir drei während der Schicht auf insgesamt 10 Btm-Verstöße, fast jedes Zelt ein Treffer.
Das mag insgesamt ja noch nicht wirklich lustig sein.

Allerdings gab es einen speziellen Fall, über den wir noch Tage später lachen konnten.
Und zwar waren wir gerade dabei, eine 12köpfige Gruppe, welche sich mittels Bong am Lagerfeuer in andere Welten kifften, einer Idf zu unterziehen. Auf einmal kam ein 15 Jähriger Junge an und fragte meine Kollegin doch tatsächlich, ob sie ihm Gras verkaufen würde..er hätte schließlich gehört, dass das an diesem Zeit möglich sei. Sie hat sich daraufhin mittels Dienstausweis als PVB'in ausgewiesen, was den Jungen allerdings - augenscheinlich aufgrund des Btm-Einflusses - nicht wirklich interessierte. Aus diesem Grund fragte er sie ein weiteres Mal: "Kann ich bei dir Gras kaufen?". Als sie ihn erneut belehrte, kam aus ihm lediglich ein "Achso", drehte sich zu mir um und drei Mal dürft ihr raten, was er mich gefragt hat.. :)

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Kiffen blöd macht.. :stupid:

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Di 18. Jan 2011, 02:11

18.00 h
Dienstbeginn. Einweisung, Kaffee trinken, Dummfug erzählen

18.30 h
Ausfahrt zu Unfall Nr. 1. Auf schnurgerader Str. fährt der 01 gegen den ordentlich am linken Fahrbahnrand geparkten 02. Das Alter von Ü70 i. V. m. der Dunkelheit hat aber nichts damit zu tun, und der aufnehmende Beamte als junger Schnösel (Mitte 30, nun ja) hat ja eh keine Ahnung. Ist ja auch nicht meine Entscheidung, aber der Vermerk an die Führerscheinstelle sollte da sicherlich was bewirken.

18.50 h
Der Doof des Tages geht am Kaufhaus vorbei, übersieht dabei den vor dem Kaufhaus Posten stehenden Doorman und greift sich drei Jacken. Seine Flucht scheitert an einer offiziell mit 60 % angegebenen Behinderung im Bein nach 100 m. Nun lässt er sich – obwohl augenscheinlich politisch unmotiviert – nach Manier Linksautonomer zu Boden fallen und spielt theatralisch das Opfer. Die Sympathien der Bevölkerung liegen aber dennoch beim Doorman, man unterstützt ihn und ruft die Polizei. Der Doof bekommt das örtliche Köln-Kalk-Verbot und fühlt sich aufgrund seiner Behinderung schlecht behandelt. Die Funkwagenbesatzung ist betroffen, hat aber leider keine Zeit, weil um

19.30 h
diverse Jugendliche in der noch stark frequentierten Straße randalieren. Da es zu keinerlei Straftaten kam, werden lediglich die Personalien notiert und die Herrschaften mit einem herzlichen LKT (wird nicht näher erläutert) verabschiedet.

Am nächsten Tag zeigt sich die Sinnhaftigkeit der Personalienfeststellung, weil die gleichen Affen in einem Schrebergarten Unheil anrichten und 50 % der Täter flüchten konnten. Die anderen 50 % konnten dann heulend auf der Wache nur staunen, dass man ihre Kumpels kennt. Na so was.

20.00 h
Fahrzeugkontrolle, weil der Onkel es nicht mehr hinnimmt, wenn man nicht blinkt. 10 Euro.

20.10 h
Fahrzeugkontrolle, weil der Onkel es nicht mehr hinnimmt, wenn man nicht blinkt. 10 Euro.

20.30 h
Fahrzeugkontrolle, weil der Onkel es nicht mehr hinnimmt, wenn man nicht blinkt. 10 Euro.

Bei der Frage nach dem Führerschein wirkt der Fahrer irgendwie nervös und zeigt keinen vor. Der liegt nämlich zu Hause. Er zieht die Nummer bis zum Ende durch. Erst als der lustige Leitstellenmensch kund tut, dass Ette derzeit eine Versagung der FE hat, kommt Leben in die Bude. Und eine Anzeige auch.

bis 21.30 h
Lockere Fahrstreife und gucken, dass keiner guckt

22.00 h
Erste Stehzeit in der Wache. Kaffee, Macces und der bislang angefallene Schreibkram

22.45 h
Auch der Diebstahl eines smart phones muss aufgenommen werden. Ohne IMEI Nummer irgendwie witzlos, aber das ist ja nicht meine Entscheidung.

23.00 h
Macho-Man wird durch seine Frau informiert, dass diese durch einen ‚Türken’ belästigt wird. Macho-Man schnappt sich vier seiner Kumpels und eilt zum Tatort. Dort pöbelt er dann alles, was ansatzweise nach Türke aussieht, an. Hierbei verkennt er allerdings die Tatsache, dass die Innenstadt einer westdeutschen Großstadt Sa abends um 23.00 h fest in türkischer Hand ist. Als die Kräfteverhältnisse kippen, besinnt sich Macho-Man, dass Selbstjustiz ja eh doof ist und er als Steuerzahler über eine Servicedienststelle verfügt, die für jeden Spaß zu haben ist.

Als erstes Einsatzmittel vor Ort muss nun erstmal ein wenig geschubst und geschrien werden, bis eine Sachverhaltsaufnahme möglich ist. Diese kann dann aber aufgrund der hochgradigen Asozialität beider Parteien erst erfolgen, als zwei weitere Funkwagen und das Deeskalationsmittel Nr. 1, die Diensthundführer, da sind.

(Merkwürdigerweise strahlt weder die Uniform, noch die DGA, die nicht in einer geheimen Zauberzeremonie verliehen worden sind, helfende Autorität aus.)

Als im weiteren keine Straftaten festgestellt werden können, spielt sich Macho-Man auf und kennt scheinbar die nicht ganz kleine Führungsebene meines PP. Allerdings ändert das wenig an meiner rechtlichen Einschätzung. Nach dem Angebot der Übernachtung im Hotel Polizei entfernt sich Macho-Man – um sich dann nach wenigen Metern mit zwei gestreckten Mittelfingern umzudrehen und ‚Fickt euch, ihr Scheißbullen!’ zu schreien.

Falscher Fehler. Als Macho-Man erkennt, dass sich die zwei Beamten des ersten Einsatzmittels, die ihn ja von Anfang an ertragen mussten und entsprechend nur auf diese Chance gewartet haben, von der Gruppe lösen und ihm hurtigen Schenkels nacheilen, entschließt sich Macho-Man trotz drölf Promille auch zur Flucht. Auch ein falscher Fehler.

Zeitgleich schlagen 180 kg Schutzmann (asymmetrisch verteilt) in Lederjacke auf den flüchtenden auf (nicht ein – wobei es auch was von Torpedoeinschlag hatte) und verpacken ihn lehrbuchmäßig in den Funkwagen. Auf der Fahrt ins PG kommen die Tränen auf Knopfdruck. Die Anzeige auf Tastenclick. Wie schön.

Man verlässt den Innenhof des PG…und erhält um

01.00 h
den Folgeauftrag: Partyauflösung. 40 Mann feiern, sechs Kollegen sind bereits vor Ort.

Als wir ankommen, ist man noch in der Wohnung, schmeißt aber nach und nach alle raus. Wir verweilen draußen und passen auf, dass niemand die drei geparkten Funkwagen beschädigt.
Leider hält man sich nicht an Vereinbarungen und lärmt jetzt auf der Straße, ohne sich weiter zu entfernen. Flaschen gehen zu Bruch, originelle Sprechchöre gegen die Polizei erschallen und irgendwie ist man auf Krawall gebürstet. Die ersten Personalien der ‚Fuck the Police’ Gröler werden aufgenommen. 90 % sind scheinbar Jurastudenten, die wissen, dass sie damit keinen konkret beleidigen.

Von den §§ 117, 118 OwiG haben sie aber noch nichts gehört. Davon, dass Platzverweise zwangsweise durchgesetzt werden können, auch nicht. Ratzfatz sitzen in allen vier Funkwagen lustige Menschen, die jetzt gar nicht mehr so lustig sind. Weitere Funkwagen werden nachgeordert, weil der Bedarf noch nicht gedeckt ist.

Der offizielle Doof des neuen Tages muss natürlich Widerstand leisten. Dieser wird sehr unschön gebrochen, weil der Doof natürlich komplett voll, aber noch gut bei Sinnen ist. Die Sprechchöre und Handykameras werden geflissentlich ignoriert.

Der Honk, der die Maßnahme mit mehrfacher Nachfrage nach einer Dienstnummer zu stören versucht, kommt, nachdem ihm alle erforderlichen Daten mehrfach genannt wurden , dem Platzverweis auch nicht nach. Um so besser, dann hat er als x.te Ingewahrsamnahme wenigstens auch gleich ein Aktenzeichen, in dem er sich beschweren kann. Oder uns anzeigen kann. Auch egal.

Nach dem Dienstschluss um

02.00 h
folgen zwei Überstunden für den nun etwas komplex gewordenen Schreibkram und Warten auf den Polizeiarzt, der dem Widerständler zunächst Blut entnimmt und auch die Gewahrsamsfähigkeit bescheinigt. Irgendwie ist er bei dem von ihm ausgehenden Widerstand kaputt gegangen, während alle involvierten Beamten unverletzt blieben. So was.

04.00 h
Abschlussbier und inoffizielle Nachbereitung mit dem Spannmann in der Kneipe um die Ecke. Gegenüber sitzt uns ein Mensch aus dem Dunstfeld des o. g. Macho-Man. Na ja. Als man die Kneipe um 04.45 h verlässt, fliegen erneut drei Funkwagen mit Licht und Horn von der Wache. Sa / So halt…
:lah:

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Sa 22. Jan 2011, 19:11

16.00 h
Dienstbeginn. Kaffee fällt aus, stattdessen AK (also mit Lalülala) zur Hauptverkehrsstraße. Der Rollerfahrer wollte halbillegal links überholen, während der Pkw Fahrer dann halbillegal von ganz rechts nach links in die Grundstückseinfahrt abbiegen wollte. Fein.

Der Funkwagen kämpft sich eher schlecht als recht durch den Feierabendverkehr, weil der durchschnittliche begabte Mitbürger ja lieber nach Hause will, als Einsatzmittel durchzulassen. Wir fahren ja auch vermutlich nur zum Spaß mit Fackel und Horn.

Entsprechend unentspannt am Unfallort angekommen, macht man mit dem Funkwagen erstmal alles dicht. Die Schaulustigen sind bereits in einer Mannstärke von 25 an Ort und Stelle, der RTW leider nicht. Vermutlich wegen der durchschnittlich begabten Mitbürger.

Der Kollege übernimmt die Erstversorgung, Chaos trennt zwischen Knall- und Augenzeugen die Spreu vom Weizen. Ein zweites Einsatzmittel, wenigstens ein Krad zur Verkehrsregelung: Fehlanzeige. Danke, Statistik!

Der Autofahrer, der eine Schramme von 250 Euro an seiner Karre hat, lamentiert gar fürchterlich. Dass sein Kontrahent mit Trümmerbruch im RTW gerade ohnmächtig geworden ist: Zweitrangig. Sollte heute wieder ein Tag sein, an dem mich die Menschheit ankotzt?

Irgendwann ist man vor Ort fertig. Nun ins Krankenhaus, den Verletzungsstand erfragen und dem Rollerfahrer seine Unfallmitteilung aushändigen. Krankenhaus ist toll. Rettungssanitäter, Schwestern und Notaufnahmeärzte sind wenigstens genauso drauf wie wir.

18.00 h
Reinfahren und Schreiben ist natürlich nicht. Eigentlich sollen wir einen Einbruch in die Keller eines Mehrfamilienhauses aufnehmen, allerdings verfolgt gerade ein Ladendetektiv einen flüchtigen Dieb. Wieder mit Lalülala durch den nur unwesentlich besser gewordenen Verkehr. Letzte Meldung: Detektiv hat den Flüchtenden umgerockt, wird nun aber von Passanten bedrängt.

Bei Eintreffen wird erstmal die Meute, die aggressiv auf den Detektiv einschreit, beschallt. Nun sind die beleidigt, sie wollten doch nur helfen. Der Detektiv hat sich auch gar nicht als solcher zu erkennen gegeben. Andere Zeugen sagen was anderes. Das Meute und Dieb augenscheinlich der gleichen peer group entstammen, ist auch nur ein Zufall. Nun denn. Der Dieb wird von einem anderen Funkwagen der Wache zugeführt, die Meute kriegt noch einen Kurzvortrag über die Abgrenzung Zivilcourage / Gefangenenbefreiung.

Nun ist die heldenhafte Funkwagenbesatzung erstmal hungrig und holt beim besten Griechen des Wachbereiches erstmal eine feine Platte.

19.30 h
In einer völlig anderen Behörde betreiben Linke einen Infostand. Rechte verteilen Flugblätter.

In einer Welt der friedlichen Koexistenz verschiedener politischer Strömungen, geprägt von echter Meinungsfreiheit und Demokratieverständnis, kein Problem. An einem Tag, an dem ich die Menschheit hasse, kommt es natürlich zur offenen Zurschaustellung sinnloser körperlicher Gewalt. Ich verurteile das selbstverständlich. Da die Tatortbehörde schnell mit ihren Kräften am Ende ist, fahren wir – mal wieder mit Lalülala – wackere 40 km, um dort zu helfen. Die Gyrosplatte macht es nicht besser. Wie immer ist vor Ort erstmal alles strubbelig, die aus allen Nachbarbehörden eintreffenden Kräfte werden erstmal strukturiert. Man hört mal wieder Funkrufnamen, die man noch nie gehört hat, sieht dafür Kollegen wieder, die man nie wieder sehen wollte. ;D

Die Hoffnung auf einen Auftrag mit Aktionswahrscheinlichkeit steht in Konkurrenz zu der Geschichte mit der Gyrosplatte. Unter meiner Führung wäre das alles anders gelaufen, aber mich fragt ja mal wieder keiner. Der Auftrag lautet: Reserve. Also die Wache anfahren und der Dinge harren, die da kommen.

23.30 h
Andere Funkwagen haben sich mit beiden Spektren geboxt und die Zellen in vergleichbarer Relation gefüllt. An uns völlig vorbei gegangen. Wir haben dafür die Kaffeevorräte leer getrunken und die Praktikantinnen geschände…äääh, geschult. Laaangweilig!

Also gelangweilt zurück in die Heimat.

Feierabend?

Nein, wir haben doch noch den Unfall zu schreiben. Also mal wieder eine Überstunde. Was soll’s. Ich bin ja eh da.

Dafür ist der Streifenbeleg heute übersichtlich. Immerhin.
:lah:

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Mainzelmann2001 » Mo 31. Jan 2011, 14:05

2012

:zunge:

Edith sagt, erzähl doch mal:

Wir wurden in die Förderschule gerufen. 13-jähriger türkischstämmiger Junge hatte am Vortag den Alutretroller eines anderen geklaut und wurde beobachtet.
Na ja, wir dahin, den angesprochen, der gesagt, dass er den Roller mitgenommen hat um schneller zum Zug zu kommen, das wieder Mitbringen hat er "vergessen". Der Roller steht bei einem Kumpel.
Kollegin stellt Personalien fest, ich bleib bei dem Bengel.
Auf Frage, was nun wird, Antwort: wie, ich bin doch erst 13.

Ja, und ab 14?
Is doch egal, mein Bruder ist 19, war schon zweimal im Knast, der is cool Man.

Frage: macht der Urlaub, hat der nen Job, ein geiles Auto, ne Wohnung

Nee, der wohnt hier bei Mama, is doch viel besser, hat einen voll geilen Punto und seine Freundin ist sogeil.

..............so will ich auch mal werden. Antwort des 13jährigen.

Im übrigen, wir haben ihn zu Hause abgeliefert. Mutter spricht kein Deutsch. Schwester mußte übersetzen.

Dann spricht mich meine Schwägerin an, was man denn gegen schlagende Ausländerjungs in der Grundschule tun kann.........?

Irgendwie war das schön, als Nina Ruge sagte......."Alles wird gut".
Zuletzt geändert von Mainzelmann2001 am Mo 31. Jan 2011, 14:20, insgesamt 2-mal geändert.
Was juckt es die stolze Eiche, wenn sich die Wildsau an ihr reibt.

Das frühe Vögeln entspannt den Wurm.

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Ghostrider1 » Fr 18. Feb 2011, 08:49

Nach ner Demonstrantion am Dienstag war endlich Bearbeitungstag.
Es stand die Frage der versuchten Gefangenenbefreiung im Raum, da die Erläuterungen da nicht ganz eindeutig waren. Ich habe mit dem StA telefoniert, den gesamten SV erklärt und mein Herz ist aufgeblüht :!:

Endlich mal eine StA, die Widerstand nicht als Bagatelle abtut. Und endlich eine StA, die bei der Körperverletzung gegen PVB kein Auge zudrückt, weil sie der Meinung ist, dass wir unsere Köpfe als erstes hinhalten. Salopp ausgedrückt hat man erkannt, dass es schlimmer ist eine "auf's Maul" zu bekommen, als 10€ zu klauen.
Und die letzte Aussage hat mir dann mein Lächlen von total verbreitet. Die Gerichte gehen diesen Kurs der StA mit !

Ach, dass mußte ich jetzt mal los werden....

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Fr 15. Apr 2011, 17:53

Heute: Einsatzleitstelle.

Ablöse mit Übergabe. Im Frühdienst war nichts gravierendes.

PC neu starten, Einsatzleitsystem hochfahren, headset einstöpseln. Und der Wahnsinn beginnt.

Wochenspätdienst verheißt viele Anrufe. Wir sind zu fünft.

*klingel*

Polizeinotruf?...Halloooo?...

Aufgelegt. Nun ja. Automatisch erstelltes Einsatzformular verwerfen...

*klingel*

Polizeinotruf?

Ääääh...oh...da habe ich mich verwählt.

*klingel*

Polizeinotruf?

Hallo...wer ist da? der Notruf? Äh. Ja, ich weiß gar nicht, ob das jetzt richtig ist, dass ich bei ihnen bin. Also...ich stehe hier in der X-Straße...da sind gerade zwei Wagen zusammen geknallt.

(Wo wollte der jetzt wohl sonst anrufen?)

Funkwagen ansprechen und dahin schicken, Feuerwehr anrufen und auch dahin schicken.

*klingel*

Polizeinotruf?...Halloooo?...

verwählt. Nun ja. Automatisch erstelltes Einsatzformular verwerfen...

*klingel*

Polizeinotruf?...Halloooo?...

verwählt. Nun ja. Automatisch erstelltes Einsatzformular verwerfen...

*klingel*

Polizeinotruf?

Ja, hallo? Ich sitze hier in einem Bus und der Fahrer lässt mich nicht aussteigen.

Häh? Wie jetzt? Reisebus? VW Bus?

Ja, nee. In der Linie 628. Ach, jetzt kommt eine Haltestelle. Da hält er an, hat sich erledigt.

:polizei13:

*klingel*

Polizeinotruf?

Kindergebrüll. Irgendwer hat einen kleinen *enis. Laut Nummer eine Telefonzelle am A-Platz.

Hier ist die liebe Leitstelle, steht ein Wagen PI Z günstig A-Platz?

Ja, Wagen 32.

Wagen 32, fahren Sie bitte A-Platz - sollten Sie da Kinder in der Telefonzelle sehen, die missbrauchen den Notruf.

*klingel*

Polizeinotruf?

Schalten Sie Ihre Ampel aus!!!

:polizei13:

Ja, hier an der Autobahnauffahrt. Diese Drecksampel. Die lässt immer nur ein Fahrzeug durch. Wir stehen bis in die Stadt.

Öhm...Sie sind jetzt beim Notruf. Der ist für Notfälle. Ich beende das Gespräch jetzt.

*klingel*

Laut Anruferanzeige der Mensch von eben.

Polizeinotruf?

Ja, ich nochmal. Sie haben gerade aufgelegt! Ich sage es jetzt noch mal. Schalten Sie ihre Ampel aus. Das kann doch nicht ihr Ernst sein!!!

Ich erkläre es Ihnen jetzt nochmal in Ruhe: Sie haben den Notruf gewählt. Der ist für Notfälle. Wenn Sie hier nochmal anrufen und mir etwas über diese Ampel erzählen, fertige ich eine Anzeige wegen Missbrauchs von Notrufen gegen Sie. Ich beende jetzt das Gespräch.

*klingel*

Laut Anruferanzeige der Mensch von eben.

Der neben mir sitzende Kollege nimmt das Gespräch entgegen

Polizeinotruf?

Ja, ich werde hier ständig weg gedrückt. Es geht um diese Autobahnampel.

Hat die einen gelben oder einen grauen Mast?

Äh...einen gelben! (triumphierend)

Ja, die gehören nicht uns. Da können wir ihnen leider nicht weiterhelfen.

Ach so, ja danke. Jetzt bin ich auch auf der BAB. Wiederhören...

Und das war nur die erste Stunde... ;D
Zuletzt geändert von Kaeptn_Chaos am Fr 15. Apr 2011, 18:15, insgesamt 1-mal geändert.
:lah:

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Do 19. Mai 2011, 00:18

Sonntag Frühdienst.

06.10 h.

An der Asidisco kloppen sich die Restbestände. Wie immer ist die Waffe des Wortes hier sinnfrei. Hundeführer sind leider nicht mehr im Dienst. Irgendwann ist man genug, um Eindruck zu schinden. Was Grund des Einsatzes war? Niemand weiß es. Sachverhaltsschilderungen und Strafanträge? Fehlanzeige. Also böse gucken und drei, vier Leute, die diese Platzverweisgeschichte nicht verstehen wollen, weg schubsen. Natürlich wollen zwei Menschen auch lieber zur Durchsetzung des Platzverweises weg gesperrt werden. Auf der Fahrt zum PG eine rechtliche Diskussion, ob soeben ein Widerstand stattgefunden hat oder ob man es unter ortsüblichen Verhalten verbuchen kann...

08.00 h

Sonntags wird zusammen gefrühstückt.

Die hilflose Person liegt trotzdem auf der Straße. Nun ja. Dann halt mit AK (lalülalaaa) zum Einsatzort. Für den Rettungswagen ist der Typ nix. Aggro ist er auch...ach, fahren wir halt zum PG. Richterrufbereitschaft wird informiert. Sehen die Sinnhaftigkeit nicht sofort ein. Nachdem das Mobilteil an den Probanden weiter gereicht wurde, entschliesst sich der hohe Vorsitzende dennoch zu einer Einsperrung zum Wohle der Menschheit bis 13.00 h. Rechnerisch hat der Mensch dann noch immer 1, 5 Promille - aber vielleicht funktioniert er in diesem Bereich ja wieder - niemand weiß es.

Sonntags wird immer zusammen gefrühstückt.

Leider ist kein Rührei mehr übrig. Danke, Kollegen. Macht aber nix. Müssen eh nach einem halben Brötchen wieder raus. Die anderen stehen bei Unfällen und Sachbeschädigungen an Kfz.

Auf der Landstraße soll ein Auto brennen. Lalülalaaa? Leitstelle negiert - jetzt brennt er ja schon. Feuerwehr rollt auch.

Bei Eintreffen zeigt sich, dass das nur die halbe Wahrheit war. Auto steht frontal gegen einen Baum geknallt...und im Flammenschein scheint der Fahrer zu sitzen. Mittlerweile tot. Danke, dass die Feuerwehr vor mir hier war und ihr Bestes tut. Danke, dass der Fahrer es bereits hinter sich hat und sich in keinster Weise mehr artikulieren kann.

Schön ist trotzdem anders.

Fest steht, dass der Sonntag damit gelaufen ist.

Sachbearbeiter Verkehrskommissariat, Notfallseelsorge, Unfallsachverständige, Pressestelle und die Fliegerstaffel erhalten Kenntnis. Alle erscheinen nach und nach vor Ort. Der Brand ist gelöscht. Die Feuerwehr holt das verkohlte etwas, dass mal ein Mensch war und nach der StPO nun eine Sache mit Menschenwürde ist, aus der Karre und versucht, diese würdevoll auf der Bahre zu verwahren.

Diesen Moment haben sich die Angehörigen, informiert von nicht mit denkenden vorbei fahrenden Mitbürgern, ausgesucht, um an der Unfallstelle zu erscheinen. Mein Dienstgruppenleiter tut seinen Job und bringt die Tatsache den Menschen bei.

Schön ist definitiv anders!

Nach vier Stunden vor Ort nun auf die Wache, Papier muss schwarz gemacht werden.

Die Kollegen, mittlerweile vom Spätdienst, behandeln einen ausgesucht höflichst und hilfsbereit. Geht mir auf den Sack. Muss man halt durch, gehört zum Job.

Meine Kollegin schaut mich an und sagt: "Gott sei Dank nerven die jetzt nicht, ist doch sonst so eine Arschlochtour!". Na guck, jeder Jeck ist anders.

Irgendwann ist auch dieses Schicksal zu Papier gebracht. Spät-DGL fragt, ob wir Betreuung wollen. Ich will nicht. Aber suggeriere ich damit meiner Kollegin, dass sie auch keine braucht? Sie sagt, sie will keine. Meint sie das so? Andererseits habe ich jetzt auch andere Probleme.

Sachbearbeiter VK kommt rein. Von Ette wurde eine Abschiedsbrief gefunden. Absichtlich gegen den Baum geknallt, Liebeskummer. Hut ab. Schönen Dank dafür. Ist ja nur mein Leben - und mein Sonntag nachmittag. Und mein Kopfkino. Eigentlich wollte ich nachmittags zu den designierten Schwiegereltern. Aber Madame hat sich (auch Kollegin, thank god) seit der "VUP, brennt im Auto" sms nicht mehr gemeldet. VK dankt für professionelle Arbeit und fixe Benachrichtigung. Da nicht für - trotzdem nett, es zu hören.

Nun ja...

Ab nach Hause. Die WG weiß durch parallel diensthabenden Kollegen auch schon Bescheid. Durch vorherige Traumaeinsätze auch schon, was ich jetzt nicht brauche.

Erstmal duschen. Im Wohnzimmer dann hinsetzen. Für Essen ist gesorgt. Bier? Heute ja. Irgendwann ein: "Und?"

Erster Lagebericht. Wichtig! Das, was du heute erzählst, liegt dir nicht mehr auf der Seele.

Die Mitbewohner lassen einen erzählen. Und dann wieder in Ruhe. Voll gut.

Irgendwann eine sms von der Streifenpartnerin: "Alter, was ein Horror" Kurz teleniert. Ihr geht's auch gut, sie wird von der Familie aufgefangen. Wichtig!

Irgendwann steht Madame vor der Tür.

Ich find Kolleginnen als Partnerinnen toll!

Und wer das jetzt emotional findet: Das war nicht gestern, das war vor acht Jahren.

:polizei2:
:lah:

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Marathon » Mi 1. Jun 2011, 03:35

Hier ein kleiner Einblick in einen normale 24 Stunden Schicht als Notärztin einer Wache einer mittelgroßen Großstadt am Rande des Ruhrgebiets.

Um 7 Uhr übernehme ich den Melder vom Kollegen und wir bequatschen bei einer Tasse Kaffee, der Tote zum leben erwecken könnte, die neusten Gerüchte der Wache. Dann ist Diensteinteilung und – oh Wunder – ich sitze mal wieder auf dem NEF. Wo auch sonst?
Also Auto mit meinem Rettungsassistenten übernehmen. Das soll aber heute in die Werkstatt. Es gäbe in dem luxuriösen Fuhrpark durchaus reizvolle Alternativen. Aber unser ärztlicher Leiter wünscht, dass da wo „Notarzt“ drin ist von außen auch „Notarzt“ drauf steht. Also doch das einzige Ersatzauto mit dem gewünschten Schriftzug - eine abgenuddelte alte Karre. Beim checken die ersten Erheiterungen: die eigentlich gekühlten Infusionen sind eingefroren…. Unser armer Auszunutzender , äh Auszubildender, versucht sie erst wirklich aufzutauen, wie ihm sein Praxisanleiter aufgetragen hat, bis sogar er versteht, dass wir das nicht ganz ernst meinen.

Nach gefühlten weiteren 7 Tassen Kaffee (versucht niemals beim Kaffee trinken mit gestandenen Feuerwehrleuten mitzuhalten – es endet mit einem Magengeschwür), der erlösende erste Einsatz. Unterstützung für einen RTW aus einem anderen Kreis. Mitten auf der geplanten unspektakulären Untersuchungsfahrt hat der Patient beschlossen das fachliche Wissen der anwesenden Besatzung zu testen und begann fröhlich vor sich hin zu krampfen. Auch die dann eingeleitete Therapie beeindruckte ihn recht wenig und er krampfte einfach weiter vor sich hin. Freundliche medikamentöse Überredungskünste meinerseits beeindruckten ihn ebenfalls recht wenig. In der Notfallmedizin gilt „in dubio pro Tubus“. Also Narkose eingeleitet, Tubus in den Patienten und ihn schön in der nächsten Neurologischen Fachabteilung abgegeben. Das Gehirn krampft dann zwar weiter, aber von außen sieht alles so schön friedlich aus…

Nach dem obligatorischen nächsten Kaffee geht es zu einer Grundschule. Atemstörung bei einem Kind wird gemeldet. Vor der Schule auch schon eine heftig winkende Lehrerin, die sich dann auch noch entschließt vor unserem Einsatzfahrzeug her zu joggen. Diese Bewegungsform scheint bei der Lehrerin nur besonders schweren Notfällen vorbehalten zu sein und ich mache mir ernsthafte Sorgen um die Kniegelenke…
Im Schulsekretariat treffe ich auf ein hyperventilierendes Mädchen mit drei weiteren hyperventilierenden Lehrerinnen. Da die Atemstörung bei einem Kind gemeldet wurde beschließe ich, dass das Mädchen meine Patientin ist und ignoriere die medizinischen Tipps der Akademiker neben mir „die Hände kribbeln – das kann ein Herzinfarkt sein“. „Nein! Die Hände kribbeln bei einem Schlaganfall“. Ein Junge hat meine Patientin geschubst (der Frevel) und seither atmet sich die ca. 10jährige Patientin ihren Frust von der Seele. Einige beruhigende Worte hinter verschlossener Tür des RTWs sorgen schon für Ruhe. Wir entschließen uns das Gesundheitssystem zu schonen und rufen die Erziehungsberechtigten an, damit sie ihren Sprössling von der Schule abholen. Ich verabschiede mich mit dem Versprechen, dass die Jungs in ihrer Klasse nur noch sehr wenige Jahre brauchen werden um ein gradezu kavalierähnliches Verhalten an den Tag zu legen.

Mein Mann ruft an und klagt über medizinische Probleme, die sofortigen ärztlichen Beistand erfordern. Wozu hätte er sonst eine Ärztin geheiratet. Ich verspreche im Laufe des Tages vorbei zu kommen. Glücklicherweise wohnen wir im Einsatzgebiet.

Es wird Mittag und es wird Zeit den hungrigen Magen zu füllen. Nach Feuerwehrmanier natürlich hauptsächlich mit Fleisch. Über der Küche steht ein Schild, auf dem steht „und wenn wir die letzten Tiere ausgerottet haben, dann essen wir die Vegetarier“…

Der Nachtisch bleibt dank des durchdringenden Piepens meines Melders unangetastet stehen und ich werfe ihm noch einen letzten sehnsüchtigen Blick zu, wohl wissend, dass wir uns nicht wieder sehen werden. Die Meute wartet nur auf einen günstigen Augenblick…

Dramatische Sachlage: ein Patient der gut noch beide Weltkriege erlebt haben wird ist beim Blumen klauen ohnmächtig geworden. Tja. Peinlich! Die Frau Nachbarin hat ihn in ihrem Beet gefunden und uns mit auf den Plan gerufen.
Einen wirklichen Grund für die Schwindsucht finden wir nicht – ein Fall für die Klinik.

Dann geht es auf die Autobahn: ein 40jähriger LKW-Fahrer befürchtet einen Herzinfarkt erlitten zu haben. Ich glaube ehr, dass er sich beim Beladen des LKW verhoben hat; fahre ihn aber dennoch in eine Klinik. Die Labortests werden es zeigen.

Mein Mann ruft an und fragt, wann denn endlich medizinische Hilfe eintreffen würde. Ich verspreche mich zu beeilen.

Nachforderung vom RTW: bewusstlose Frau nach Sturz im Wald. Nach Eintreffen können wir dies nur bestätigen. Irgendwie ist alles unklar: keine Personalien (und bewusstlose Patienten neigen dazu die Aussage zu verweigern) und keine Zeugen. Wir sind ratlos und für solche Fälle hat der liebe Gott eine Nummer gegen Kummer eingerichtet: richtig! Die der Polizei. Die Leistelle von unserem Begehr informiert. Irgendwie ist es dann aber wohl doch falsch übergekommen (was natürlich nichts damit zu tun hat, dass wir uns in einem sozialen Brennpunkt der Stadt befinden). Im Glauben uns vor Bösewichten erretten zu müssen rückt die Kavallerie an und bevor wir uns so richtig versehen blinkt es um uns herum blau. Wir grüßen schön und sehen zu, dass wir Land gewinnen. Die Patientin muss dringend in einen Schockraum.
Einen Schockraum zu betreten hat immer etwas Erhabenes. An die 30 Ärzte und Pfleger warten in einem kleinen Raum auf eine Übergabe. Die Notfallversorgung beginnt und von da aus geht es meistens ins CT. Die Schichtaufnahme zeigt nichts Gutes: Mehrere Hirnblutungen. Eine Notfall-OP wird notwendig!

Endlich besuchen wir meinen Mann, der auch nur schon zwei SMS geschrieben hat. Sein Bein ist nach einem Mückenstich abgeschwollen, gerötet und überwärmt. Die klassischen Zeichen einer Entzündung. „Rubor, Calor, Dolor, Tumor…“ zitiere ich begeistert mein Wissen und empfehle ihm am nächsten Tag nicht zur Arbeit zu gehen. Um meinen Worten Nachdruck zu erteilen kläre ich ihn darüber auf, welch schreckliche Folgen Ungehorsam haben könnte.
Mein Redefluss wird vom Melder gestoppt.

Herzinfarkt in einer Praxis. Die Kollegin hat schon die Therapie eingeleitet, so dass meine einzige Aufgabe ist ein geeignetes Krankenhaus zu finden und den Transport zu begleiten. Der Job kann doch so leicht sein, denke ich mir. Leider werden alle freien und für einen Herzinfarkt qualifizierten Krankenhäuser entweder von der Patientin oder von ihrem Ehemann abgelehnt. Das Wunschkrankenhaus der beiden verfügt leider nicht über den rettenden Herzkatheter… Nur mit viel Überredungskunst überzeugen wir die beiden schlussendlich doch von einem Krankenhaus unsere Wahl. Auf der Anfahrt entschließt sich der Ehemann ebenfalls Wegerechte in Anspruch zu nehmen und folgt uns über die erste rote Ampel. Also anhalten, ein freundliches Bürgergespräch führen und weiter fahren. Die nächste rote Ampel: das gleiche Spiel. Wieder rechts ran und erneut klare Worte finden. Hatte ich je gesagt, der Job wäre einfach?

Ich entschließe mich an der Wache etwas Sport zu machen. Neben einer beeindruckenden Auswahl an Fußbällen gibt es zwei Spinning-Räder. Schon nach 40 Minuten geht der Melder erneut. Keine Zeit zum Duschen. Einmal trocken rubbeln und wieder rein in die Dienstkleidung.
Eine junge Frau hat wenige Tage nach der Geburt ihres Kindes Kopfschmerzen bekommen und ist nicht mehr ansprechbar. Die nächste Narkose ist fällig. Mit wehenden Fahnen in die nächste Klinik. Und das CT zeigt eine der ausgeprägtesten Hirnblutungen, die ich je gesehen habe.
Zurück an der Wache bin ich froh duschen zu können. Nicht nur um den Schweiß des Sports weg zu spülen, sondern auch ein Teil des Einsatzes. Wie schrecklich muss es für den Vater sein, ein Kind geschenkt bekommen zu haben und das mit dem Leben (oder zumindest dem Verstand) seiner Frau zu bezahlen?

So langsam wird es Zeit ins Bett zu gehen. Kaum eingeschlafen geht das Licht an „Einsatz für die Feuerwehr: Brennendes Auto“. Ich kuschle mich wieder ins Bett und freu mich nicht zu der Liste an Fahrzeugen zu gehören, die jetzt wieder raus müssen.

Nur ein Stündchen später geht es für uns auch los. „Bewusstlose Person nach Sturz“. Ich habe für den Tag genug Hirnblutungen gesehen und freue mich dementsprechend Omi wohlauf vorzufinden. Sie sei aus dem Bett gefallen und laut Ehemann habe sie eine ganze Zeit bewusstlos vor dem Bett gelegen. Bei unserem Eintreffen ist sie offensichtlich aber wach und ansprechbar. Begrüßt werden wir mit den Worten „Ins Krankenhaus gehe ich aber nicht“. Vor die Therapie wurde bislang immer erst die Diagnose gestellt und so machen wir uns ans Werk. Schlussendlich kommen wir zu der Erkenntnis, dass doch ein Krankenhausaufenthalt angeraten sei. Also erst einmal herausfinden, ob die Gute Aufklärungsfähig ist. Auf meine Frage „welches Jahr haben wir denn?“ murmelt sie „Neunzehnhundert…., Neunzehnhundert…., Neunzehnhundert….“ Ihr Mann unterstützt sie „Nein Schatz, wir haben es doch schon 2000“. Da er anamnestisch nicht aus dem Bett gefallen ist, lasse ich bei ihm diese Antwort durchgehen…
Die Patientin lehnte übrigens eine stationäre Behandlung ab, weil am nächsten Tag eine Reise geplant sei. Bei der zeitlichen Orientierung des Pärchens hoffte ich, dass zumindest der Monat stimmt…

Wieder im Bett wird erneut die Hilfe der Feuerwehr benötigt und für diese Information auch der Notarzt geweckt. Gut, dass ich immer weiß, wo das Löschfahrzeug steckt…. Wo kämen wir auch hin, wenn die Feuerwehr einfach still und leise abrücken würde?

Der letzte Einsatz des Tages bzw. der Nacht führt mich in ein Altenheim. Eine Patientin Jahrgang 1919 ist vigilanzgemindert. Die üblichen Verdächtigen „Blutzucker und Blutdruck“ sind diesmal unschuldig. Meine geistigen Ressourcen sind aufgebraucht; die Patientin halbwegs stabil. Also Wagentür auf, Patientin rein und ab zum Krankenhaus.

Noch auf der Wache einen Kaffee mit dem nachfolgenden Kollegen trinken und endlich heim. Dort finde ich einen Zettel auf dem Küchentisch, dass mein Mann doch arbeiten gegangen ist. Und wenn es schlimmer wird, dann kann er ja immer noch zu einem „richtigen“ Arzt gehen…

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon MICHI » Mo 13. Jun 2011, 06:13

Pfingsten

12 Std.-Nachtdienst



18:00 Uhr-Anzeigenaufnahme "Entziehung elektr. Energie"

18:28 Uhr-Verkehrsunfall

19:10 Uhr-Rauchmelder ausgelöst

20:00 Uhr-Versuch HB-Vollstreckung

20:43 Uhr-Mehrere Jugendliche mit Eisenstangen, Schlägerei droht

21:40 Uhr-Fenstersturz

22:48 Uhr-Schlägerei

23:56 Uhr-Freitod durch Fensterprung

01:00 Uhr-Person mit Stichverletzung nach Raub

02:19 Uhr-Festnahmen nach Graffiti

04:17 Uhr-Ruhestörung

06:00 Uhr-Feierabend

-in den Tätigkeitsbüchern unserer anderen Faahrzeug sieht`s ähnlich aus-

Für eine Sonntagnacht recht ordentlich zu tun; es ist aber ja Montag auch Feiertag.
Gruß
MICHI


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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Kaeptn_Chaos » Mi 29. Jun 2011, 01:14

Mittwoch, Spätdienst.

Lockerer Dienstbeginn um 13.00 h.

Einweisung um 13.03 h abgebrochen: Überfallmeldealarm auf Bank. Die Kohorte fliegt in eindrucksvoller Formation los. Als letztes Fahrzeug (zwar als erster im Fahrzeug, aber vorbildlicherweise den Verkehr für die anderen geblockt) ist das immer wieder ein geiler Anblick. Zumindest für schlichte Gemüter wie mich, die zur Polente gegangen sind, um Reklamewagen zu fahren.

Außerdem ist es hinten nicht so laut. :polizei3:

In der Erwartung des obligatorischen Fehlalarms sind die Horden erstaunt, dass der Leitstellenonkel kund tut: Wir gehen von Echtalarm aus. Hups. :o

Nun laufen diverse Maßnahmen automatisch. Der Funk gewinnt an Drive - alle wollen mitspielen. Die Leitstelle und Cheffe bemühen sich, das Chaos klein zu halten. Der Versuch ehrt sie...

Leider kein schneller Erfolg. Kripo erscheint vor Ort. Wollen die einen Bericht? Natürlich wollen sie...

(im weiteren Verlauf konnte der Täter durch das KK ermittelt werden...und Räuber werden eigentlich immer recht gut abgeurteilt)

Nachdem fast alle bei diesem lustigen Einsatz mitgespielt haben, haben sich naturgemäß alle anderen Einsätze aufgestaut.

Wagen 1 kriegt den Unfall.

Wagen 2 kriegt den Ladendieb.

Wagen 3 kriegt den anderen Unfall - am Arsch der Welt.

Und wir? Glück gehabt. Haha. Ihr Narren, fahrt ihr eure banalen Allerweltseinsätze. Wir fahren jetzt rein und trinken einen Kaffee...

Wagen 4 von Zentrale? :polizei10:

X-Straße, unklare Todesursache, RTW / NEF vor Ort, bitte den NEF auslösen und auf K warten...

Was habe ich getan????

Wagen 4: Wurde durch die Tochter aufgefunden, Schwester ist auch vor Ort.

:tot:

Bei Eintreffen übergibt der Notarzt das übliche. Der Verstorbene liegt geschmackvoll abgedeckt in seinem Badezimmer. Die beiden Töchter wirken gefasst, aber sind not amused über noch mehr Uniformen in der Wohnung ihres Papas.

Da wir die gleichen Fragen stellen wie der NA, sind sie auch leicht gereizt. Gott sei Dank wissen die da noch nicht, dass die Kripo all das nochmals erfragen wird.

Der Rettungsdienst verabschiedet sich...wir bleiben. Eintreffen K? Mindestens 30 Min. Heißt bei denen: 60. :polizei4:

Wollen die einen Bericht? Natürlich wollen sie...

Irgendwann liegt auch das hinter uns. Getreu dem Schutzmannsgebet "Unsere tägliche Flucht gib uns heute" fahren wir nun eine Unfallflucht. Hinweise? Nööö... Spuren? Nöööö....

Naja...

Wagen 4 von Zentrale?

Was denn? Kaffee!!!!

A-Straße steht der NEF bei einer unklaren Todesursache.

Was? Wie beschissen kann es laufen? Gibt's da nicht eine Vorschrift wie: Jeder kriegt nur eine Leiche am Tag?

Leitstellentante zerknirscht: Sorry, aber die anderen sind auch alle gebunden.

Bei Eintreffen liegt er, teilweise schwarz, teilweise schimmlig (kein Scherz), teilweise mumifziert halb auf Bett, halb auf Boden. Das Gesicht hat netterweise auf der nackten Glühlampe der Nachttischlampe Halt gemacht. Scheinbar hat die, als der Mieter noch lebte und seine Stromrechnung zahlte, auch noch geleuchtet. Fies!

Der Geruch und die toten Fliegen der ersten Generation wären für Herrn Benecke bestimmt interessant - ich könnte darauf verzichten.

Die Bude deutet auf Alki / Messi hin. Dem NA ist das egal, der kennt die Krankengeschichte nicht, ergo: Unklare Todesursache. Oleole. Warten auf K. Auch die haben nicht immer Glück. Dasselbe Team von eben trifft ein. Naja....deren Bier.

Wollen die einen Bericht? Ne...hier reicht mündliche Übergabe. Geil.

Nur raus hier.

Mittlerweile ist es 18.30 h. Hunger, Pipi, Durst.

Kurz vor der Wache: Wagen 4 von Zentrale?

Kruzifix, sind wir die einzigen heute?

Nein, vor der Wache zeigt sich, dass der Rest auch noch draußen spielt....nun denn, kriegen wir ja nicht wenig Geld für...

A-Platz, bei Müller: er vertrimmt sie...

Anfahrt mit lalülalaaa...

Die nächste Alkibude. Bei Eintreffen werden erstmal beide umgeschmiert und in Handfesseln gelegt. Wer sich betrunken trotz meiner Anwesenheit weiter ins Gesicht haut, hat es aber auch nicht besser verdient. Sie ist dort gemeldet...er war schon lange nicht mehr irgendwo gemeldet. Nun ja...da wir außer der Flucht und den zwei Berichten nix zu schreiben hatten, während die anderen Funkwagen massig Anzeigen sammelten, buchen wir das nun folgende Programm nach Gewaltschutzgesetz, verbunden mit exorbitant hohem Schreibkram, unter ausgleichender Gerechtigkeit ab.

Auf der Wache wird's aber auch nicht besser. Während die Kerle uns mit "Na,ihr Leichensammler" begrüßen oder "view to a kill" anstimmen, riechen die Damen an unseren Hemden und Haaren, um sich dann mit einem "Iiiiih...das riecht man voll!" schaudernd von uns abzuwenden...

Gott sei Dank bin ich am nächsten Tag Funker....
:lah:

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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon MICHI » Mi 6. Jul 2011, 16:29

Gruß
MICHI


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Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon MICHI » Sa 9. Jul 2011, 21:35

und nur wieder ein einsatz im spätdienst, von 12:50-20:55 Uhr:

http://www.mopo.de/hamburg/panorama/pol ... index.html
Gruß
MICHI


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Gast

Re: Der tägliche Dienst

Beitragvon Gast » So 10. Jul 2011, 19:10

Nur ein einziger richtiger Einsatz, dafür aber einer wegen dem ich mich jetzt noch von der couch werfen könnte Bild

EZ: "Gehts in die xy-Str zum Alleinunfall, nix näheres bekannt"

Am "Unfallort" angekommen stößt Eze auf zwei Gangster mit bunt lackiert- krass-fättem 3er der mit sämtlichem Plastikzubehör beklebt und verschlimmbessert ist, welches bei ebay und ATU zu kaufen ist. :stupid:

Der ohnehin völlig unzulässigst tiefergelegte bmw liegt wie ein Brett auf dem Asphalt neben der Fahrbahn, die Reifen (halb im Radkasten verschwunden) stehen auffällig schief vom Auto ab, genauso wie die beiden MiGraHi-Figuren daneben die dumm aus der Wäsche glotzten :mrgreen:

Auch ohne den "Unfallhergang" von den Homies zu erfragen war die Sache sofort klar, das ganze sah aufgrund fehlender Tuningkenntnisse (wohlgemerkt im völlig normalen Straßenverkehr passiert) nach einer miniwinzigen Bodenwelle ungefähr so aus: klick mich :zustimm:

Beide Achsen durch, bzw. die Radbolzen einfach abgerissen und die Karre schön auf Grund gesetzt :respekt:

War wieder mal ein wunderschöner Einrücker den ich allein aufgrund der Visagen am Straßenrand so schnell nicht vergessen werd :yau:


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